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Manche haben gestrahlt und sich über einen einfache Berührung gefreut

An einem Tag haben wir das Kinderheim des Ordens von "Mutter Theresa" besucht. Sie haben den Grundsatz, alle Kinder aufzunehmen, die ihnen gebracht werden. Hier sind fünf Betreuerinnen für etwa fünfzig Kinder da, die alle Schwerst- und mehrfachbehindert sind. Ich habe noch nie mit Kinder zu tun gehabt, die Wasserköpfe oder Deformationen haben. Zunächst war ich geschockt, aber dann bin ich zu jedem Kind hingegangen, habe es berührt und gebetet. Manche haben gestrahlt und sich über eine einfache Berührung gefreut. Andere haben mich gar nicht bemerkt. Einige Babys habe ich aus ihrem Bett geholt und sie auf meinen Arm genommen - sie wollten dann nicht mehr zurück in ihr Bett. Ein Junge, er war etwa vier Jahre alt, war nur in seinem Bett, wie alle anderen Kinder auch, die scheinbar nur gewickelt und gefüttert werden. Sie vegetieren vor sich hin. Ich holte den Jungen aus seinem Bett. Durch seine fehlerhafte Fußstellung kann er nicht allein laufen. Da habe ich ihm die Hand gegeben und er hatte keine Probleme mit dem Laufen.

Ich denke, eine heilpädagogische Förderung oder Krankengymnastik könnte aus diesem Jungen ein normales Kind machen. Da er aber nur in seinem Bett liegt, keine Anreize oder Förderung bekommt verkümmert er. Ich habe auch fast keine Spielsachen gesehen. Dieser Junge zog aus Langeweile aus seinem Kissen die Füllung heraus. Als ich ihn wieder ins Bett zurückbringen wollte, schrie er und knallte mit seinem Kopf an das Bett. Da tat er mir so leid und ich holte ihn wieder heraus.

Später erlebte ich die "Fütterung" eines gelähmten Jungen. Die Betreuerin saß breitbeinig auf dem Boden. Zwischen ihren Beinen lag der Kopf des Jungen und sie hatte seine Arme fest fixiert. Sein Mund stand offen und sie fütterte ihn mit einem Löffel. Mit einem Art Stäbchen stieß sie dann das Essen herunter. Ich dachte in diesem Moment nur an eine Weihnachtsgans, die gestopft wird – das ist menschenunwürdig.

Wenn ich an dieses Heim denke, dann daran, dass wir "Gesunde" uns nicht in diese Kinder einfühlen können. Sie erfreuen sich an Kleinigkeiten, die wir nicht mehr bemerken und vielleicht begegnet Gott ihnen in einer Art und Weise, die für uns unzugänglich ist. Ich weiß, dass Gott diese Kinder liebt und es ihm weht tut, was mit ihnen geschieht.

Es hat mich plötzlich alles genervt

Nach einer Woche fühlte ich mich total ausgepowert und war demotiviert. Eigentlich war alles in Ordnung, alle waren nett zu mir, aber innerlich fühlte ich mich unwohl. Es hat mich plötzlich alles genervt. An einem Tag wollten wir einen Gottesdienst veranstalten. Ich fühlte mich leer und hatte keine Lust die Menschen anzusprechen. Aber ich habe Sonja angesprochen und mir gewünscht, dass sie für mich betet. Zusammen mit Alex hat sie für mich gebetet: "Gott gib´ ihr die Kraft". Da spürte ich mich auf einmal wieder voller Power und Energie. Danach gingen um die Ecke auf die Hauptstrasse und ich sagte zu Gott:" Ok, zeig mir wen ich einladen soll....jetzt geht’s los...."

Die Einladung zum "Pagkain Libre"

Wir sollten eigentlich keine Männer ansprechen, weil das falsch aufgefasst werden könnte, wenn eine weiße Frau einen Einheimischen anspricht. Aber ich ging trotzdem zu den Männern und Frauen und sagte: "Pagkain Libre" (freies Essen). Und ich gab ihnen die Einladung zum Gottesdienst, nach dem es das freie Essen gibt. Ein Mann, der mitten auf dem Bürgersteig saß, fiel mir auf. Über seinem Kopf hing ein Tuch, so dass man sein Gesicht nicht sehen konnte. Sein rechter Arm war dünn und deformiert, seine Fingernägel sehr lang und in seinem Mund war eine Schnur. Sie führte zu einem kleinen Eimer, in dem man Geld hineinwerfen sollte. Ich fasste ihn an und sagte: "Pagkain Libre" . Er sagte nichts, zog aber mit seinen Fingern die Einladung zu sich. Danach ging er mir nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder erinnerte mich der Mann an den Besessenen aus der Geschichte des Evangelisten Markus im Neuen Testament. Jesus hatte Mitleid mit dem Besessenen und hat ihn geheilt. Ich hatte den Eindruck, Jesus zeigt mit diesem Mann ein Stück von seinem Herz für diese Menschen. Er will nicht dass Menschen leiden oder gequält werden. Ich bekam solch ein Mitleid, dass ich Tränen in den Augen hatte.

Befreie mich von den negativen Stimmen

Oft fragte ich mich, was ich überhaupt in Manila mache, was meine Arbeit bewirkt ?

An einem Abend war ich wieder sehr niedergeschlagen und betete in meinen Zimmer zu Gott: "Befreie mich von dieser Niedergeschlagenheit und den negativen Stimmen". In der City Mission war Gottesdienst und die Mitarbeiter beteten Gott an und redete mehr. Alle warteten auf Gott, was er ihnen zu sagen hatte. Auch ich wartete. Ich brauchte seine Gegenwart. Auf einmal kam mir eine Stelle im Matthäus-Evangelium in den Sinn. Jesus sagte: "Was ihr für einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan." Jetzt wurde mir klar, dass jeder liebe Blick von mir,  jedes Berühren eines Menschen den vielleicht sonst niemand berührt, die Handlung von Jesus ist. Wir sind hier seine Stellvertreter. Er kann nicht die Leute umarmen, küssen ihnen Essen geben, sie ansprechen. Er will durch uns hindurchstrahlen. Er will unser Mund, unsere Augen und unsere Hand sein. Für uns sind vielleicht manche Kleinigkeiten nicht von Bedeutung, aber für Jesus schon.

Ich denke, wenn wir viel Zeit mit Gott verbringen, wie ich an diesem Abend, dann können wir die Kraft bekommen, sehen was auf seinem Herz ist und dann kapieren wir, wer er und wie er ist. Aus eigener Kraft konnte ich bisher nicht zu diesen Menschen gehen. Noch vor einem Jahr war solch ein Einsatz für mich undenkbar. "Wieso soll ich meine Zeit und mein Geld für andere Menschen opfern." Diesmal kam ich total erfüllt und glücklich in meine Apartment zurück. Ich spürte Gottes Gegenwart so stark und es erfüllte mein Herz mit Freude, Frieden und Liebe.

Barfuß im Regen

Es regnete in Strömen, als am nächsten Tag im alten Kino der Gottesdienst für die eingeladenen Menschen zum "Pagkain Libre" stattfinden sollte. Ich hatte Sandalen mit Lederriemen an, die sich im Regen auflösten und ich ein Viertel der Strecke barfuß gehen mußte. Da merkte ich, wie wertvoll Schuhe sind. Man ist ja ohne Schuhe jedem Dreck ausgesetzt. Mehrere Einheimische sprachen mich an. Trotz ihrer Armut boten sie mir ihre Schuhe an, weil sie sich wunderten, dass eine reiche Weiße ohne Schuhe rumläuft.

Im Gottesdienst sah ich Blinde, Prostituierte und einen Mann mit nur einem Bein. Alles Menschen, die dort am Rande der Gesellschaft stehen. Sie hörten die Geschichte von Sonja und Claudia, die erzählten, wie sie zum Glauben an Jesus gekommen sind.

 

Die Geschichte von Claudia und Sonja

Claudia ist mit 18 Jahren von zu Hause weggegangen, und ihre Mutter war froh, dass sie ging. Erst suchte sie Liebe und Anerkennung unter Rockern. Aber richtig glücklich fühlte sie sich nie. Als sie an einem Tag zu einem christlichen Rockkonzert eingeladen wurde, sagte ihr der Pastor: "Du kannst viele Freunde haben aber nie richtig glücklich sein, wenn Du Jesus nicht kennst." Sie merkte, dass das genau ihr Problem war und sie beschloss Christin zu werden.

Sonja kommt aus einer glücklichen Familie und hat viele Geschwister, aber das Leben war ihr zu langweilig. So kam es, dass sie unter Brücken schlief und begann Drogen zu nehmen. Sie wurde von ihren Eltern durch die Polizei gesucht und kam wieder zurück nach Hause. Da konnte sie nicht mehr ihre Schuhe ausziehen, so sehr klebten sie an ihren Füßen. Die Eltern sorgten dafür, dass sie in verschiedene Rehazentren für Drogensüchtige kam, doch es konnte ihr nicht geholfen werden. Erst in einem christliches Drogenrehazentrum wurde sie von der Drogensucht befreit.

Ich empfinde Sonja als einer der vorbildlichsten und glücklichsten Menschen, die ich in meinem Leben traf. Ich wollte nicht glauben, dass sie solch eine Vergangenheit hatte.

Nach den Geschichten von Sonja und Claudia lud Thomas, der Leiter der City Mission, die Menschen im Gottesdienst ein, Christen zu werden. Einige kamen nach vorne und ich betete für sie, was mich sehr berührte. Besonders für die eine Frau, von der mir jemand erzählte, dass sie sei eine Prostituierte sei. Sie weinte und bat mich für ihren Mann zu beten, der im Gefängnis sitzt.

 

Die Geschichte vom verlorenen Sohn

Jeden Dienstag kommen morgens und mittags etwa zwanzig Kinder zu so einer Art Kinderstunde.

Einmal war ich dabei, wir spielten mit den Kindern und sangen Lieder, wie "Ang dios ay mabuti sa akin" (Unser Gott ist gut zu mir). Dann erzählte ich mit einer Handpuppe die Geschichte vom verlorenen Sohn, der seine Familie verließ und in der Welt sein Glück suchte. Als er unglücklich zurückkehrte, wurde er wieder aufgenommen. Mit dieser Geschichte wollte ich den Kindern verdeutlichen, dass Gott auf die Menschen wartet, genauso wie der Vater auf die Rückkehr seines Sohnes. 

 

Da ich Sprache der Einheimischen nicht spreche und die Kinder kein Englisch verstehen, übersetzte Alex, ein Mitarbeiter und Philippino, die Geschichte auf Tagalog. Aus meiner Erfahrung als Erzieherin weiß ich, wie schwer es den Kindern fällt, längere Zeit zuzuhören. Hier war es aber mucksmäuschenstill. Die Kinder saugte meine Geschichte in sich auf. Es war der Höhepunkt in der Woche. Schließlich fragten wir die Kinder, wer von ihnen Jesus kennenlernen will. Viele reckten die Hände und wir beteten für diese Kinder. Es gab eine warme Mahlzeit und dann wollten viele Kinder nicht mehr nach Hause in die Slums.

 

Leben und Arbeit der Schneider-Familie

Mitten in den Slums von Manila leben Christian und Christine Schneider. Das Schweizer Ehepaar lebte mit jungen ehemaligen. Prostituierten, Drogenabhängigen- und Leimsüchtigen zusammen sowie seelisch und körperlich missbrauchten Jugendlichen. Heute haben sie eine eigene Hütte betreuen aber drei solche Wohngemeinschaften in den Elendsvierteln der 16-Millionen-Metropole Manila. Die jungen Leute handeln mit Abfall, betreiben eine kleine Pneureparatur- und Schweißwerkstatt, bohren nach Brunnen und züchten abfallgefütterte Schweine. Auch gehört formaler Schulunterricht dazu. "Wir wollen durch eine handfeste Konkretisierung christlichen Glaubens diesen erfahrbar machen", sagt Christian Schneider, "ihre Eigeninitiative und Selbstwertgefühl fördern ohne sie ihrem Umfeld zu entfremden."

Ein gesundes Selbstwertgefühl kann sich allerdings kaum entwickeln, wenn das ständigen Bewusstsein der Menschen ist, nur ein armer Hilfsempfänger zu sein. Darum gingen Schneiders nicht zu einer Hilfsorganisation, um gut eingeführt und gesichert in etablierten Strukturen bei den Armen als Retter aufzutreten. Sie gingen ungeschützt in die Unsicherheit eines Slumlebens. "Daheim hatten wir unser Leben im Griff", erinnerte sich Christine Schneider, "aber im Slum kannst du nochmal ganz von vorne anfangen. Wir waren auf die Hilfe jener angewiesen, denen wir helfen wollten. So kamen wir nicht als großzügige Sieger zu Verlierern. Geben und Nehmen hielten sich vielmehr die Waage."

Christine Schneider ist eine Frau, die sehr viel Freude ausstrahlt. Man hat den Eindruck, dass sie ein erfülltes und glückliches Leben hat. Ihre Augen funkelten, während sie unsere Fragen beantwortete. Stolz präsentierte sie uns ihren "Garten" und das "Haus". Sie haben alles, was sie brauchen. Ich könnte so nicht leben, bewundere aber solche Menschen für diesen Lebenstil. Man merkt dass sie den Materialismus nicht brauchen, wie wir hier in Deutschland. Die Schneider´s haben zwei Kinder die perfekt Tagalog sprechen, weil sie im Slum aufgewachsen sind. Christine Schneider kann besser Tagalog als Englisch. Mit ihr gingen in eine Wohngemeinschaft mit etwa zehn Teenager. Zwei erzählten uns, wie sie in dieses Haus gekommen sind. Ein junges Mädchen erzählte unter Tränen:

 

"Meine Eltern schlugen mich und sagten mir, das ich nichts wert sei. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin von zu Hause weggegangen. Oft wusste ich nicht wo ich schlafen und was ich essen sollte. Meine Mutter suchte und fand mich, doch als ich kurze Zeit zu Hause war hielt ich es wieder nicht mehr aus. Ich habe dann die Familie Schneider kennen gelernt und jetzt fühle ich mich total wohl hier.

Im nächsten Jahr will die Familie Schneider in die Schweiz zurückkehren, weil ihre Kinder dort einen bessere Schulbildung bekommen. In Manila leben sie von Spendengeldern. Ehemalige Drogenabhängige ( 70 Prozent davon werden nicht mehr rückfällig), die Christ geworden sind, werden ihre Arbeit fortführen.

Wie die Geschichte weitergeht, 

lesen Sie in Teil drei

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