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Wenn´s mal länger dauert

Ausschnitte aus meinem Bericht über die Vorderlader-Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Italien

"Viele Gesichter der neuen Mannschaft kenne ich gar nicht", staunte Bundesreferent Erich Illing, nachdem eine Reihe von langjährigen Nationalschützen nicht mehr die Qualifikation für das bei internationalen Titelkämpfen dominierende deutsche Vorderladerteam geschafft hatten.

Während zahlreiche Leistungsträger der vergangenen Jahre scheiterten, gelang insgesamt acht Neulingen der Sprung ins Team. Am erfolgreichsten war Wolfgang Wehle vom SSV Nordstetten.

Der 43-jährige Württemberger aus Grünmettstetten punktete mit zwei Einzelsiegen in den Diszplinen und einem zweiten Rang fast optimal. "Ich habe einen guten Lauf gehabt", erklärte er seinen Leistungsanstieg, nachdem er im Vorjahr in der EM-Qualifikation gescheitert war: "da war ich noch nicht so weit". Wehle konzentrierte sich in Leipzig auf fünf Disziplinen und profitierte von seiner Erfahrung im Gewehrschießen auf weite Distanzen. "Im Jahr 2001 gewann ich in Frankreich einen internationalen Long Range-Wettbewerb auf 1000 Yards", so Wehle, "ich habe gelernt auf geänderte Verhältnisse schnell zu reagieren". Zahlreiche Aktive haderten während der Leipziger Qualifikation mit den wechselnden Windbedingungen, nicht so Wolfgang Wehle, der seinen Erfolg auch auf die Unterstützung von Manfred Kimmerle zurückführt. Der 62-jährige "Lehrmeister" gewann zwischen 1993 und 1998 acht internationale Medaillen und ist ein Vorderladerschütze "der ersten Stunde". Mit der Qualifikation von Wolfgang Wehle hat Kimmerle nach dessen intensivem Training in den Liegendwettbewerben gerechnet: "Er hat seine Leistungen der Meisterschaften bestätigt". Gemeinsam mit Wehle hat sich sein Arbeitskollege und Vereinskamerad beim SSV Nordstetten, Alfred Bailer, für die WM in Italien qualifiziert.

 "Er hat sich kontinuierlich entwickelt", weiß Manfred Kimmerle von seinem Schützling zu erzählen, "sein Selbstbewußtsein ist gewachsen und das ist gut für den Schützen". Im Vorjahr hatte der 38-jährige Bailer die EM-Qualifikation noch um einen Punkt verpaßt, gewann aber danach den Titel bei den Deutschen Meistrschaften mit dem Perkussions-Freigewehr. "Die WM-Teilnahme ist aber das Größte", freute sich der Elektriker, dessen Spezialität die 50-Meter Gewehrwettbewerbe sind.

Für die Schützengesellschaft D´Waxlstoama Grainau hat erstmals Hannes Oberpriller den Sprung ins Nationalteam geschafft. Noch im Vorjahr feierte der 45-jährige Versicherungskaufmann mit dem dritten Platz bei den Deutschen Meisterschaften in der Disziplin seinen größten Erfolg, doch jetzt eifert er seinem Vorbild Georg Suiter nach. "Dessen WM-Siege habe ich im Hinterkopf gehabt" und der Grainauer hat "aus Neugierde einfach mal mitgemacht". Ausgerechnet mit einem geliehenen Perkussionsgewehr schaffte er den entscheidenden Sieg im "Vetterli"-Wettbewerb für die WM-Qualifikation. Nach Problemen mit seinem eigenen Gewehr lieh ihm der Schlierseer Peter Käpernick Gewehr und Kugeln und für Hannes Oberpriller begann der Wettkampf "auf gut Glück". Der erste Schuss war eine optimale Zehn und "dann habe ich weitergemacht, für 98 Ringe bin ich immer gut". Nach 13 Schüssen hatte Oberpriller mit optimalen 100 Ringen die notwendige Punktausbeute für die WM-Teilnahme geholt und der sympatische Bayer kündigte an: "Wenn´s mit dem Titel klappt, dann knallt´s".

Zur festen Größe im Vorderladerteam hat sich Walter Massing entwickelt. Der 43-jährige Ginsheimer ist der dominierende deutsche Schütze mit dem Luntenschloßgewehr. "Für uns geht es nur um Platz zwei hinter Massing", kommentierte Günter Rehfeld die optimale Leistung des Altrheinschützen im Wettbewerb "Tanegashima". Nach der ersten 100er Runde war Massing auch im zweiten Durchgang mit dem Luntenschloßgewehr von der Konkurrenz nicht zu stoppen. Dem amtierenden Europameister und Rekordhalter huschte schon während des Wettkampfes immer wieder ein Lächeln durchs Gesicht. Immer besser landeten die Schüsse in der optimalen Zehn. In der zweiten Runde hatte er nach elf Schüssen schon die optimale Ringzahl 100 erreicht. "Perfekt", war sein knapper Kommentar. "Im Training konzentriert arbeiten, dann gibt´s im Wettkampf keine Überraschungen", erklärte er sein Erfolgsrezept, mit dem er jetzt nach dem Vizeweltmeistertitel 2000 in Italien seinen ersten Einzeltitel bei Weltmeisterschaften anvisiert.

Während die Herren in verschiedenen Disziplinen mehrfach die Chance hatten zu punkten, fiel die Entscheidung für das "Amazons"-Team der Frauen in einem 13-Schuß-Durchgang, an dem sich alle neun Schützinnen beteiligten. Der mit viel Spannung erwartete Wettkampf brachte eine faustdicke Überraschung durch die Qualifikation von Friederike Neumann.

"Ich habe noch zu wenig Übung", war die Rüsselsheimerin skeptisch, nachdem sie ihr Gewehr für den Wettkampf in Leipzig erst einige Tage zuvor erhalten hatte. Die Ehefrau des Rüsselsheimer Vereinsvorsitzenden Norbert Neumann schießt erst seit zwei Jahren mit Vorderladergewehren: "Ich habe verschiedene Gewehre ausprobiert und die haben nicht funktioniert". Kurz vor der Entscheidung in Leipzig war es Ehemann Norbert, der beim Büchsenmachermeister Tilo Dedinski anrief, um nach einem geeigneten Gewehr für seine Frau nachzufragen. Dedinski schickte dem Ehepaar ein Ausstellungsstück und das sollte sich als wahrer Glücksgriff erweisen. Zunächst beteiligte sich Friederike Neumann am Männerwettbewerb "Whitworth", um sich an das neue Gewehr zu gewöhnen: "Das war das Training", so Friederike Neumann, die sich im Kreis der Nationalschützen sichtlich wohl fühlte, "da bin ich ruhiger geworden". Nach den ersten Resultaten von 90 und 93 Ringen ruhten ihre Hoffnungen auf eine Steigerung im entscheidenden Wettkampf und die Rüsselsheimerin behielt die Nerven.

 Eine Serie von Zehner im Verlauf des 13-Schuß-Wettkampfes brachten ihre die Qualifikation. Schließlich beendete sie die Frauen-Qualifikation mit 96 von 100 möglichen Ringen auf Rang zwei und schaffte den Sprung ins "Amazons"-Team, das in Italien zu den Anwärtern auf den Weltmeistertitel gehört. Mit Friederike Neumann haben die international erfahrenen und mehrfachen Weltmeisterinnen Anita Schröder und Sybille Schiffler qualifiziert.

"Bei Manchem dauert´s halt etwas länger", kommentierte Waldemar Schanz senior seine geglückte WM-Qualifikation. Der 66-jährige Vater den Olympiateilnehmers Waldemar Schanz junior bot bei den Wurfscheibenwettbewerben im sächsischen Neiden bei Torgau eine famose Leistung, die ihn den größten Erfolg seiner fast 50-jährigen Schießsportlaufbahn führte. Eine Investition von fünfzig Euro leitete die Sensation unter den deutschen Wurfscheibenschützen ein, die das vierköpfige "Hawker"-Team zu den Weltmeisterschaften nach Italien entsenden. Schanz nutzte das günstige Kaufangebot einer "Gallyon"-Perkussionsflinte, die anschließend vom Ex-Weltmeister Werner Pahl in eine Steinschloßflinte umgebaut wurde. Damit hatte der Mörfelder die Voraussetzung geschaffen, um sich an den beiden Wurfscheibendisziplinen zu beteiligen.

Auf Anhieb schaffte Schanz 18 von 25 möglichen Treffern, haderte aber zunächst mit den schwierigen Bedingungen auf der neuen Wurfscheibenanlage in Neiden und erreichte nicht die wichtigen Punkteränge. Nach dem Steinschloßflinten-Wettbewerb mußte Schanz die Disziplin "Perkussionsflinte" mit der optimalen Punktausbeute absolvieren, um sich die WM-Fahrkarte zu sicheren. "Das hatte ich mir in den Kopf gesetzt", freute er sich nach seinem Erfolg, "ich habe mich so gut gefühlt, wie noch nie zuvor". In der ersten Runde verfehlte Schanz zwei der 25 möglichen Wurfscheiben. "Jetzt wird´s eng", wußte der Routinier, der in Deutschland als Bundesreferent für die "modernen" Wurfscheibenschützen tätig ist. Der mehrfache Europameister Franz Lotspeich hatte seine Aufholjagd gestartet und schien den Mörfelder noch vom dritten Rang zu verdrängen. "Da habe ich draufgehalten und den Finger krumm gemacht", und mit dem notwendigen Schußglück traf Schanz in der zweiten Runde 24 der 25 möglichen Wurfscheiben und setzte sich damit gegen den Württemberger Lotspeich mit einem Treffer Vorsprung durch.

"Das ist das Highlight im Leben eines Sportschützen", vor mehr als vierzig Jahren war Waldemar Schanz der erste Schütze aus dem Kreis Groß-Gerau, der sich für die Deutschen Meisterschaften qualifizierte. Ein internationaler Start gelang ihm in den vielen Jahren nicht, dafür förderte er das Können seines Sohnes, der eine Woche vor der WM-Qualifikation des Vaters im Shanghai mit seinem ersten Weltcupsieg in dieser Saison einen großen Schritt in Richtung seiner dritten Olympiateilnahme schaffte.

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