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Ein Hattrick und der dritte Mann

10. Europameisterschaften der Vorderladerschützen in Halikko / Finnland vom 4. bis 9. August 2003

Ausschnitte aus meinem Bericht für die Deutsche Schützenzeitung

In den Wäldern Finnlands haben die deutschen Vorderladerschützen ihre führende Position in Europa behauptet. Mit dem Gewinn von 15 Gold-, elf Silber und zwölf Bronzemedaillen dominierte das 25-köpfige Team des Deutschen Schützenbundes die 42 Entscheidungen im südfinnischen Halikko, an denen sich 273 Aktive aus 15 Nationen beteiligten. "Meine Erwartungen wurden deutlich übertroffen", freute sich Bundesreferent Erich Illing, "obwohl wir aus Kostengründen die Starts um etwa zwanzig Prozent reduziert haben."

Seit den Titelkämpfen im Jahr 1984 haben deutsche Vorderladerschützen auf europäischer Ebene stets mehr als ein Dutzend Goldmedaillen gewonnen. "Wir haben eine starke Rangliste", begründet Illing den deutschen Erfolg, "es ist für die Schützen die höchste Hürde, sich zu qualifizieren. Wer einen Platz in der DSB-Mannschaft hat, kann so gut wie sicher sein, dass er eine Medaille gewinnt." Die Prognose des Bundesreferenten traf auch in Finnland ein und Jeder der deutschen Schützen gewann nach insgesamt 119 Starts mindestens eine Medaille.

Massing´s Hattrick und der neue Luntenkönig

Mit drei Gold-, einer Silber und einer Bronzemedaille war Walter Massing erneut der erfolgreichste Schütze im deutschen Team. Bei den Weltmeisterschaften 2002 im italienischen Lucca war der Ginsheimer mit vier Goldmedaillen der überragende Akteur. Im finnischen Halikko gelang dem 44-jährigen das Kunststück einen Hattrick zu schaffen. Nach seinen Siegen bei den Europameisterschaften 1999 und 2001 erzielte der Altrheinschütze erneut optimale 100 von 100 möglichen Ringe und gewann zum drittenmal in Serie den Titel im Wettbewerb "Tanegashima" mit dem Luntenschloßgewehr. "Ich wollte diesen Hattrick, er war einer der letzten persönlichen Ziele", so Massing über seine Motivation, "dafür habe ich fünfmal in der Woche trainiert denn ich wußte, dass die Konkurrenz stärker geworden ist." Als schärfster Konkurrent erwies sich Hans-Peter Rüfenacht, der ebenfalls 100 Ringe bei den 13 Wertungsschüssen erzielte. In der Auswertung des schlechtesten Wertungsschusses zur Scheibenmitte verpaßte der Schweizer mit 36:39 Millimeter den Titel. "Heute geht der Sieg über das Schußbild", wußte der siegreiche Massing und seine hohe Präzision sollte den Ginsheimer auch seinen zweiten Einzeltitel sichern. Ziel von Massing, der in der nächsten Saison wieder in die Luftgewehr-Bundesliga für die SG Dietzenbach schießt, war seine Leistung von den Weltmeisterschaften 2002 mit dem Perkussionsgewehr zu bestätigen. Nach der WM hatte er sich ein neues Perkussionsgewehr "Bristlen" gekauft und kam zunächst nicht zurecht. "Ich habe mich nicht für die Deutschen Meisterschaften qualifziert, dass hat mich verunsichert." Der ehrgeizige Ginsheimer stand dadurch auch nicht im deutschen Pforzheim-Team und mußte in Halikko als Einzelstarter in den Stand gehen. Auf den Punkt perfekt hatte er für Finnland sein neues Perkussionsgewehr vorbereitet und diesmal lief es optimal. Mit 100 Ringen hatte er gegenüber fünf ringgleichen Konkurrenten das beste Schußbild und verdiente sich damit den zweiten Titel.

"Mehr kann man nicht machen", strahlte Massing, der im Verlauf der Europameisterschaften in Finnland nur viermal in den Stand ging und sich auf drei Gewehre konzentrierte. "Das bleibt auch in Zukunft so", und ist sicher, dass er seinen Platz im Vorderlader-Nationalteam nach fünf EM- und drei WM-Teilnahmen seit 1993 auch in den nächsten Jahren behält. Nach seiner Bronzemedaille im Kniendwettbewerb "Hizadai" mit dem Luntenschloßgewehr war für Bundesreferent Illing klar: "Er ist ein würdiger Nachfolger von Günter Böser, Massing ist der neue Luntenkönig." Formsache war für Deutschland der erneute Gewinn des Mannschaftstitels "Nagashino". Zum viertenmal in Folge stand Walter Massing im siegreichen Team mit dem Replika-Luntenschloßgewehr und gewann in diesem Jahr zusammen mit Michael Frey und Johannes Dippel.

Der dritte Mann holt die Goldmedaille

Zu Beginn seiner Vorderladerkarriere war für Walter Massing der Mörfelder Lothar Behrend sein Lehrmeister. Der Weltmeister von 1989 dominierte zwischen 1997 und 1999 bei zwei Europa- und einer Weltmeisterschaften mit dem DSB-Team die Mannschaftswertung "Nobunaga", die mit Original-Luntenschloßgewehren ausgetragen wird. Mit einem Paukenschlag feierte der 55-jährige Behrend in Halikko sein internationales Comeback nach vierjähriger Pause.

"Bisher war ich immer der dritte Mann", beschrieb er seine bisherige Rolle im Nobunaga-Team. Zum Auftakt der Titelkämpfe in Finnland überraschte er mit 91 Ringen und gewann damit den Europameistertitel. "Das ist das höchste Ergebnis, was ich in dieser Disziplin je geschossen habe", freute er sich über den Erfolg mit dem japanischen Luntenschloßgewehr, das um 1720 gebaut wurde. "Das Gewehr ist sehr empfindlich", und erzählt dann sein Erfolgsgeheimnis, "das Gewehr muß bei der Vorbereitung für den Wettkampf sehr gut geputzt werden. Ich habe das Entölen des Zündsystems verändert und dadurch hat jeder Schuss einwandfrei gezündet. Das ist das A und O." Behrend ist seit 1989 im Nationalteam dabei und damit der dienstälteste deutsche Aktive. "Ich fühle nicht mehr unter Druck", beschreibt er seine persönliche Veränderung, "und ich habe meine Fitness verbessert. Dadurch bin im Wettkampf nicht mehr ins Schwitzen gekommen." Der Goldmedaille im Stehendanschlag folgte im zwei Stunden später ausgetragenen Kniendwettbewerb "Hizadai" eine Bronzemedaille.

Hessentag in Finnland und Kunz siegt mit Maximilian

Während Massing und Behrend maßgeblich an den deutschen Autaktsiegen mit dem Luntenschloßgewehr setzte sich am ersten Wettkampftag ein weiterer Hesse auf dem 100-Meter Schießstand in Szene. Günter Kunz aus Bergen-Enkheim setzte seine ganze Routine ein und gewann überlegen den Wettkampf "Maximilian" mit dem Steinschloßgewehr. Während die Konkurrenz mit den ständigen Windböen haderte und viele Schüsse vom Winde verweht wurden, profitierte der 42-jährige Kunz von seiner Erfahrung aus dem Long-Range-Schießen. Bei Wettbewerben bis 920 Metern entscheidet der Wind über Sieg und Niederlage und das hat der Hesse in den letzten Jahren gelernt. "60 Prozent sind Glück und 40 Prozent sind Erfahrung," schätzt er sein Können ein, "hier waren keine Windfahnen. So hat immer ein Auge gezielt und das zweite das Gras beobachtet." Bei seinem Sieg mit drei Ringen Vorsprung gegenüber dem zweitplatzierten Finnen Janhunen reizte Günter Kunz die Zeitvorgabe von 30 Minuten voll aus: "Meinen letzten Schuss habe ich in der letzten Sekunde abgegeben."

Dosch: Ich bin keine Mimose, die sich nichts traut

Mit 17 Medaillen hatten die deutschen Vorderlader in Halikko einen glänzenden ersten Wettkampftag. Neben den Gewehrschützen ragte im Pistolenbereich Jürgen Dosch heraus, der den Einzelwettbewerb "Colt" mit dem Perkussionsrevolver gewann und zusammen mit Hans Zipperer und Karl Hammann den erstmals ausgetragenen Mannschaftswettbewerb "Adams". Nach dem Auftakterfolgen holte Dosch bei seinen vier Starts zwei weitere Silbermedaillen in den Einzelwertungen. "Ich bin keine Mimose, die sich nichts traut", beschreibt der 48-jährige von der SG Ludwigshafen sein Erfolgsgeheimnis, "Ich komme, um zu gewinnen." Dabei hat der beruflich engagierte Maschinenbauingenieur kaum Gelegenheit zum Schießen: "So wenig wie in diesem Jahr, habe ich noch nie trainiert. Ich hatte kein gutes Gefühl." Doch der erfahrene Bundesligaschütze wußte in Finnland seine Stärken zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen: "Die Atmosphäre bei den Europameisterschaften hat mich angespornt. An den beiden Trainingstagen habe ich so lange probiert, bis es geklappt hat."

Dippel: Das Geheimnis aus der Fettküche

Mit seiner Körpergröße von 192 Zentimeter überragt Johannes Dippel alle Mannschaftskameraden und in Finnland stand der Nordhesse aus Breidenbach-Herzberg erstmals bei einer internationalen Meisterschaft ganz oben. Der 53-jährige Maschinenschlosser gewann seinen ersten EM-Titel im Wettbewerb "Miquelet" mit einem Nachbau eines Steinschloßgewehrs "Modell 1777". "Wichtig war die optimale Zündung", wußte Dippel, der sein Erfolgsgewehr vor sieben Jahren gekauft hatte. Auf dem Weg zum ersten Europameistertitel lief es für den sympatischen Hessen aber alles andere als rund. "Am Montag habe ich drei Stunden lag versucht, mein Pulver abzuwiegen doch der Wind behinderte mich dabei erheblich." Dippel konnte am ersten Tag nicht optimal trainieren, so setzte er sich kurz vor Mitternacht auf seinem Zimmer noch einmal hin, um alle Ladungen nachzuwiegen. "Aus Zeitgründen habe ich aber das Miquelet nicht trainiert", erzählte er lächelnd, denn bei seinen fünf Starts setzte er auf andere Disziplinen. Johannes Dippel erzielte 92 Ringe ("ich habe schon mehr geschossen"), doch es reichte zum ersten Sieg. Großen Wert legt Dippel in der Vorbereitung auf das einfetten. "Besonders das Perkussions-Dienstgewehr (Minie) ist sehr fettabhängig. Dadurch habe ich drei bis vier Fettsorten dabei. Manchmal vermische ich die Sorten, dann weiß ich selbst nicht was drin ist."
Acht Jahr nach dem Sieg bei den Titelkämpfen 1995 in Spanien gingen die deutschen Frauen im "Amazons"-Wettbewerb mit dem Perkussions-Freigewehr auf 100 Meter wieder als Mannschaftssieger vom Stand. Tania Heber, Petra Leonhardt und Friederike Neumann siegten klar vor Österreich und den französischen Titelverteidigern, blieben aber im Einzel ohne Medaille. Bei Ringgleichheit von fünf Frauen blieben für Titelverteidigerin Tania Heber und der Europameisterin von 1997, Petra Leonhardt nur die Plätze vier und fünf. Auch die Siegerin von 1999, Sibylle Schiffler, kam wie Friederike Neumann nicht über 93 Ringe hinaus, die nur zu den Plätzen sieben und acht reichten. Durch die leichteren Geschosse und geringere Pulverladungen litten die Frauen in Halikko erheblich unter den schwierigen Windbedingungen. "Ich kam mit dem Wind überhaupt nicht zurecht", so Friederike Neumann, "ich überlege mir, ob ich in der nächsten Saison mit schwereren Geschossen schieße, die sind nicht so windanfällig."

Mehr als seltsam war es für die deutschen Wurfscheibenschützen, als sie die Standanlage besichtigten. "Mir ist das Grauen bekommen", fasste Werner Pahl seinen ersten Eindruck zusammen, "die Anlage entsprach nicht dem internationalen Regelwerk. Es ist mir unverständlich, dass hier eine Europameisterschaft stattfindet."

Pech hatte das deutsche Team, dass Waldemar Schanz senior am ersten Tag seinen Lorenzoni-Wettkampf mit der Perkussionsflinte für die Mannschaftswertung bestreiten mußte. "Es war frustrierend, am liebsten wäre ich in den Wald gegangen", wirkte der mit 67 Jahren älteste deutsche Aktive enttäuscht über seine erste 17er Runde. "Darüber habe ich mich maßlos geärgert". Damit war der Weg frei zum Mannschaftssieg für Frankreich. "Die Franzosen sind einfach zu stark", zollte Werner Pahl den Siegern seine Anerkennung, die mit Francis Dellova mit zwei Einzelsiegen den herausragenden Akteur in ihren Reihen hatten. Die einzige Einzelmedaille für Deutschland gewann Franz Lotspeich, der im Manton-Wettbewerb mit der Steinschloßflinte das Shoot-Off gegen den Briten Richard Morris mit 2:3 verlor und seinen dritten Europameitertitel seit 1995 knapp verpaßte.

 

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