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9. Europameisterschaften der Vorderladerschützen

Die deutschen Vorderladerschützen haben bei den neunten Europameisterschaften im österreichischen Bad Zell vom 6. bis 11. August 2001 ihre Spitzenposition untermauert. Unter 304 Startern aus 14 Nationen holte das 25-köpfige deutsche Team insgesamt vierzig Medaillen, davon 15mal Gold. Mit Ausnahme eines Aktiven konnten alle Starter zumindest eine Medaille nach den vier Wettkampftagen nach Hause nehmen. Im Verlauf der 39 Entscheidungen wurden sechs neue Europarekorde, davon vier durch das deutsche Team, aufgestellt. So konnte Erich Illing (rechts) ein positives Fazit für den Deutschen Schützenbund ziehen.

Nachfolgend finden Sie Bilder und Ausschnitte von Berichten, die ich über die Vorderlader-Europameisterschaften geschrieben habe

 

 

Zehner schießen, alles andere ist egal

Einen Tag vor den Titelkämpfen hat sie sich die Haare goldblond färben lassen: "Ich habe mir eine Einzelmedaille vorgenommen und die Betonung liegt auf Gold", selbstbewußt ging Tania Heber in Bad Zell an den Start und feierte den größten Erfolg ihrer zwölfjährigen Karriere als Sportschützin. Dabei hat die ehemalige Judokämpferin erst 1996 mit dem Vorderladersport begonnen: "Damals hatte ich auf Vorderlader keinen Bock, wegen dem Dreck", erinnert sich die 35-jährige, aber als sie auf Anhieb 143 Ringe mit dem Perkussionsgewehr erzielte, begann der Einstieg: "was passiert, wenn ich trainiere?". Die Entscheidung für den Leistungssport fiel, als die gelernte Konditorin zur Firma ETO Magnetic in Stockach wechselte: "Dort bekomme ich frei, wenn ich´s brauche". Mit der optimalen Unterstützung ihres Arbeitgebers steht Tania Heber jetzt jeden Tag im Schießstand: "Schießen ist wie eine Sucht, wenn ich eine Woche nicht schieße bin ich krank", erzählt sie über ihre Leidenschaft, "Ich will Zehner schießen, alles andere ist mir egal und es gibt nichts schöneres". So begann die Erfolgsstory von Bad Zell für die Daisendorferin mit einer Zehn. "Den hab ich", freute sich Tania Heber über ihren ersten Zehner im Wettbewerb "Minie" mit dem Perkussions-Dienstgewehr. Als sie weitere fünf Zehner schoss kamen ihr die ersten Zweifel, "ob das meine Scheibe ist?" und sie kontrollierte zunächst die Einstellung ihres Fernglases. "Ich denke viel beim Schießen" und so kamen ihr die Gedanken über den bestehenden Europarekord. "Ich kann lange warten, ich seh immer die Zehner vor mir". Als langjährige Luftgewehr- und Armbrustschützin hatte sie sich die Grundlagen für den Vorderlader-Erfolg geschaffen. "Ich seh´s nicht verbissen, für mich ist das alles Spaß", entsprechend locker blieb sie auch bei ihrem ersten EM-Auftritt, stellte ihre männlichen Konkurrenten allesamt in den Schatten und überbot die seit 1997 bestehende Bestmarke von Erwin Klammer um einen Ring. "Österreich, das ist es - der Stand liegt mir", jubelte die begeisterungsfähige frischgebackene Europameisterin und landete zwei Tage später ihren nächsten Coup.

Der Amazons-Damenwettbewerb hatte für das deutsche Team alles andere als gut begonnen. Am frühen Morgen des letzten Wettkampftages war Sybille Schiffler mit 89 von 100 möglichen Ringen weit unter ihren Möglichkeiten geblieben. Nach der amtierenden Weltmeisterin und Titelverteidigerin fand auch Elke Kellner mit 92 Ringen nicht ihre Bestform, so dass auf Tania Heber alle Hoffnungen auf einer Mannschaftsmedaille lagen. An einen Sieg wie 1993 und 1995 war nicht mehr zu denken, doch die selbstbewußte dritte deutsche Starterin ließ sich nicht stoppen. Mit der Einstellung des Europarekordes setzte Tania Heber mit 98 Ringen die Erfolgsserie der deutschen Frauen im Einzelwettbewerb "Walkyrie" mit dem Perkussions-Freigewehr fort.

Spezialisten in der Erfolgsspur

Walter Massing und Günter Rehfeld gehören zu den modernen Vorderladerschützen im deutschen Team, die sich ihre Erfolge mit der Spezialisierung auf Gewehrdisziplinen verdienten.

Der 42-jährige Massing schaffte die erfolgreiche Titelverteidigung mit dem Luntenschloßgewehr in der Stehenddisziplin "Tanegashima". Wie 1999 gelang dem Altrheinschützen aus Ginsheim im 13-Schuß-Wettbewerb auf 50 Meter Entfernung mit 100 Ringen die optimale Leistung. "Die Trefferlage war besser als vor zwei Jahren", so Massing, der mit seinem Anspruch auf das optimale Ergebnis keinen Konkurrenten eine Chance ließ, "das wollte ich bringen". Massing´s Leistung war Grundlage zum dritten Sieg in Folge im Mannschaftswettbewerb "Nagashino". Zusammen mit Günter Rehfeld, Hans-Georg Heinzmann und Holger Rose verbesserte Massing den Europarekord um weitere drei Ringe. Nach den Siegen mit dem Luntenschloßgewehr stand für Massing die Königsdisziplin der Vorderlader, das Perkussionsgewehr "Vetterli" auf 50 Meter Entfernung im Stehendanschlag im Blickpunkt. Am letzten Wettkampftag wurde mit Spannung das Duell mit den österreichischen Gastgebern erwartet, die in den letzten Jahren den Deutschen eine Reihe von schmerzhaften Niederlagen bereitet hatten. Zuletzt hatte das deutsche Quartett 1993 in Bad Zell gewonnen und in diesem Jahr ließen Walter Massing, Thomas Baumhakl, Holger Rose und Hans Stauf nichts anbrennen. Dreimal 99 und einmal 98 Ringe hatte noch keine Mannschaft in der Welt erzielt und das deutsche Quartett löschte die seit 1996 bestehende Bestmarke der Österreicher aus. "Der Druck für die Mannschaft ist riesig", beschrieb Massing den Wettkampf, in dem ihn eine ungewohnte Acht unterlief: "Irgendetwas war nicht in Ordnung", der Ginsheimer vermutete anschließend eine Ladungsstörung, die entscheidend dafür war, dass er nicht die optimalen 100 Ringe erreichte und damit keine Chance im Einzelwettbewerb hatte. Mit drei Goldmedaillen war Massing nach Hans-Georg Heinzmann der erfolgreichste deutsche Gewehrschütze, der neben seiner intensiven Vorbereitung die Erfolge auf seine Erfahrung in der Luftgewehr-Bundesliga zurückführt: "Jetzt kann ich besser mit dem Stress fertigwerden". Für Günter Rehfeld ist Massing "mit dem Luntenschloßgewehr derzeit unschlagbar". Das nicht immer alles nach Wunsch läuft, mußte der Ginsheimer im Wettbewerb "Hizadai" akzeptieren. Im Kniendanschlag mit dem Luntenschloßgewehr "habe ich den Punkt zum Abziehen nicht gefunden" kam Massing nicht über den fünften Rang hinaus. Nach Rang drei vor zwei Jahren fehlte Massing ein Ring zum Siegerpodest. Nur als lockeren Auftakt der Titelkämpfe betrachtete Massing seinen vierten EM-Start mit dem Perkussions-Freigewehr "Whitworth" auf 100 Meter Entfernung, der chancenlos auf Rang 14 endete.

"Das war meine beste EM, ich bin sehr zufrieden", zog Walter Massing eine positive Bilanz über seine vierte Europameisterschaft seit 1993. Für den Saisonhöhepunkt hatte sich der Ginsheimer zwei Wochen lang intensiv vorbereitet und dann wußte er: "In Bad Zell sind die Rahmenbedingungen optimal", schließlich begann vor acht Jahren auf dieser Standanlage die internationale Schießsportkarriere des Altrheinschützen. So nimmt Massing bereits sein nächstes Ziel ins Visier: "2002 will ich den Weltmeistertitel gegen die US-Amerikaner in Italien holen". Dabei bleibt er bei seinen drei Wettkampfdisziplinen mit den Schwerpunkten im Bereich des Luntenschloß- und des Perkussionsgewehr.

 

von links: Holger Rose, Günter Rehfeld, Hans-Georg Heinzmann und Walter Massing. Das siegreiche Nagashino-Team mit dem Luntenschloßgewehr

Mit Rückenwind zur Goldmedaille

Für Günter Rehfeld ist Massing "mit dem Luntenschloßgewehr derzeit unschlagbar". Doch der 48-jährige Bayer aus Diessen am Ammersee will sich gerade in dieser Disziplin künftig mehr engagieren. Der "Vetterli"-Spezialist feierte mit dem Einzelsieg in der Original-Disziplin mit einem Schweizer Modell "Schalch" seinen bisher größten Erfolg. "Das war der Lehrmeister von Vetterli", weiss der Restaurantbesitzer, der "mit viel schlechten Gewissen" seinen Saisonbetrieb am Ammersee in Richtung Bad Zell verlassen hatte. "Da hilft jetzt der ganze Ort mit", so Rehfeld, der aufgrund seines Engagements als Gastronom auf die Teilnahme an den Weltmeisterschaften 2000 verzichten mußte. Bei den Vorderladerschützen ist Rehfeld dabei, "seitdem es 1983 losging". Bis dahin hatte er sich als Luftgewehrschütze nur an Rundenwettkämpfen beteiligt und beteiligt sich im Sommer als Regattasegler auf den oberbayerischen Seen. Den erforderlichen Rückenwind erhielt der Vater von drei Töchtern im Jahr 1993 bei den Vorderladerschützen mit dem ersten deutschen Meistertitel. Im Nationalteam entwickelte sich Rehfeld zum "mannschaftsdienlichen" Schützen, bevor ihm in Bad Zell endlich der Durchbruch mit der ersten Einzel-Goldmedaille gelang.

 

Gekommen, um Gold zu gewinnen

"Wir sind gekommen, um Gold zu gewinnen", selbstbewußt war Georg Schuchmann in Bad Zell angetreten und der Landwirt aus Bad König-Ober Kinzig erfüllte seine Erwartungen mit zwei Gold- und drei Silbermedaillen. Das Wetter gab den Ausschlag, dass der 47-jährige Schuchmann beruhigt zu den Europameisterschaften fahren konnte. "Am Mittwoch vor der EM waren wir mit der Weizenernte fertig", so der Eigentümer eines großen Ackerbau- und Schweinemastbetriebes, der durch Wettereinflüsse schon mal auf eine internationale Meisterschaft kurzfristig verzichten mußte. Für den zweifachen Europameister von 1995 lief es in Bad Zell von Anfang an optimal. Zum Auftakt gewann Schuchmann mit 98 Ringen den "Cominazzo"-Wettbewerb mit der Steinschloßpistole und löschte die 14 Jahre alte Bestmarke des Franzosen Gimenez aus. "Das wollte ich gewinnen, den Rekord konnte ich nicht kalkulieren", sein Erfolgsgeheimnis beschreibt der Odenwälder in seiner akripischen Vorbereitung. Sein Vereinskamerad Adrian Pitfield hat im Frühjahr in der USA einen Gießautomaten mit neuen Kokillen bekommen. Für neue Kugeln gab Schuchmann ihm die Vergrößerung des Durchmessers von bisher 10,9 auf 11,05 Millimeter vor. "Bisher war ich nicht zufrieden mit den Kugeln, da war jede anders", und mit den neuen Kugeln lief es auf Anhieb. "Ich habe viermal trainiert und immer neben die Zehn getroffen, im Wettkampf waren sie drin". Kaum hatte Schuchmann den Wettkampf beendet, brach bei seiner 1992 gekauften "Hege Manton" die Feder: "Das war mein Glück, im Wettkampf hätte ich das nicht mehr reparieren können".

Wichtig für Schuchmann war in Bad Zell die Anwesenheit seiner Ehefrau Johanna: "In 23 Ehejahren waren wir kaum getrennt, ohne sie wäre ich nicht gekommen". Für den bodenständigen Landwirt ("das bin ich von Geburt an") steht die Landwirtschaft immer im Vordergrund. "Wenn ich mal keine Arbeit habe, lege ich mich auf die Couch oder gehe auf den Schießstand". Seit fast dreißig Jahren ist Schuchmann zunächst in Bad König und später beim SV Asbach dem Leistungssport der Schützen verbunden und seit er Augenprobleme mit dem Kunstlicht beim Luftpistolenschießen hat liegt der Schwerpunkt im Vorderladersport und dort ist für ihn das Größte: "Mit der Steinschloßpistole einen Zehner nach dem anderen zu schießen".

 

Ein Koffer voller Utensilien für den Vorderladersport

Zur akripischen Vorbereitung gehört auch das anschließende Putzen nach dem Wettkampf

Jürgen Dosch und Hans Zipperer

Die Revolvermeisterschaft von Jürgen Dosch

Mit zweimal Einzel- und einmal Mannschaftsgold wurde Jürgen Dosch zum erfolgreichsten Revolverschützen der Titelkämpfe in Bad Zell. "Das war meine Revolvermeisterschaft", freute sich der 46-jährige, der sein Erfolgsgeheimnis in der Internationalen Meisterschaft sieht: "Dort hat man nichts anderes zu tun". Dennoch präsentierte sich der Maschinenbauingenieur aus Ludwigshafen bei seiner zweiten Europameisterschaft bestens vorbereitet: "Ich habe mit Scad-Analysegeräten trainiert", so der Bundesligaschütze, "und Luftpistole ist wegen der Technik Pflicht". In Bad Zell eröffnete Dosch die Titelkämpfe mit der Einstellung des Europarekords im Wettbewerb "Colt". "Ich war einfach entspannt", beschrieb er seinen Sieg vor seinen Teamkameraden Georg Schuchmann und Hans Zipperer. Die seit 15 Jahren bestehende Bestmarke des Franzosen Jourenet Philippe fiel noch nicht, doch Jürgen Dosch setzt auf die Entwicklung im erfolgreichen Ludwigshafener Verein, in dem er sich an dem erfolgsgewohnten Karl Hammann messen kann. Wettkampfvorbereitung ist das Wichtigste für Dosch, der erst nach Beendigung eines mehrjährigen China-Aufenthaltes seine 1990 begonnene Schießsportkarriere im Jahr 1998 fortsetzen konnte: "Spazierengehen vor dem Wettkampf", verrät er, "das baut Adrenalin ab, dann bin ich ruhiger".

Erstes Edelmedall im dritten Anlauf

Für Bundesreferent Erich Illing "war Zipperer die Überraschung". Der Stuttgarter galt bisher im Nationalteam als zuverlässiger Mannschaftsschütze, doch bei zwei internationalen Meisterschaften ging er bei der Medaillenjagd leer aus. In Bad Zell gelang dem 42-jährigen Elektromeister der Durchbruch im dritten Anlauf mit der Perkussionspistole. Zipperer gewann den Einzelwettbewerb "Kuchenreuter", wurde Dritter mit dem Colt und gewann Silber und Bronze in den Mannschaftswettbewerben. "Ich habe mit zwei Achter angefangen, einer hoch, einer Tief", beschrieb Zipperer den Auftakt seines 13-Schuß-Wettkampfes mit der Perkussionspistole, "da wußte ich wo ich stehe". Vier Zehner in Folge und danach lief es im Wettkampf für den fünfachen Deutschen Meister. "Mein Leben dreht sich um´s Sportschießen", unterstreicht der sympathische Stuttgarter seine Leidenschaft, die er

mit Ehefrau Isabella teilt. "Die Leut´ kennen eher sie als mich", so Hans Zipperer über seine Ehefrau, die immer dabei ist und sich um das Drumherum kümmert. Seinen Vorderlader-Erfolg führt Zipperer auf seine Bundesligaerfahrung im Team des SV Haiterbach zurück. "Das hat mir bei der EM weitergeholfen". Aber der Stuttgarter nimmt sich auch viel Zeit zum Testen mit einer selbst gebauten Schießmaschine. "Der Abzug muss passen, das bringt das Gefühl für die Waffe". So hat er zu Beginn der Europameisterschaften im Training den Abzug seiner Pistole noch einmal überarbeitet, was ihn schließlich zu seinem bisher größten Erfolg führte.

Erste Medaillen in die neuen Länder

Fast hätte es das Spitzentrio der Kurzwaffenschützen geschafft dafür zu sorgen, dass die erste Vorderlader-Goldmedaille in die neuen Bundesländer gegangen wäre. Zusammen mit Jürgen Dosch, Hans Zipperer und Georg Schuchmann hatte Harald Rüdiger seine Premiere im deutschen "Peterlongo"-Team mit dem Perkussionsrevolver. Der Thüringer aus Borxleben hatte bereits mit einer Einzel-Bronzemedaille im Minie-Wettbewerb mit dem Perkussions-Dienstgewehr überrascht. Im Peterlongo-Mannschaftswettkampf schoss das deutsche Quartett nach der Klasseleistung von Jürgen Dosch mit 99 Ringen auf Goldkurs. Als letzter Aktiver ging Harald Rüdiger in den Stand, doch mit 90 Ringen konnte er die führenden Österreicher nicht mehr übertreffen. Zwar vor den französischen Titelverteidigern, doch hauchdünn hinter Österreich verloren die Deutschen bei Ringgleichheit das Gold an die Gastgeber, die glücklich ihren einzigen Europameister nach Auswertung des schlechtesten Wertungsschusses mit 65:63 Millimeter feiern konnten.

 

 

Mehr Informationen zu den Europameisterschaften und die vollständigen Ergebnislisten finden Sie

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