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Die Entwicklung der Waldenserkolonie am Gundhof

Eine Walldorfer Stadtgeschichte

Der Stadtnamen "Mörfelden-Walldorf" entstand am 1. Januar 1978, nachdem die Stadtverordnetenversamlung die Änderung des ursprünglichen Namens "Waldfelden" beantragt hatte. Die beiden Städte Mörfelden und Walldorf hatten durch das Gesetz zur Neugliederung des Landkreises Groß-Gerau sich am 1. Januar 1977 zusammengeschlossen und durch das Eingemeindungsbegehren der Stadt Frankfurt ihre ursprüngliche Selbständigkeit aufgegeben.

Die Waldenser aus Piemont

Die Geschichte der Stadt Walldorf geht in das Jahr 1699 zurück und steht in Zusammenhang mit dem Schicksal der aus ihrer Heimat in Piemont vertriebenen "Waldenser". Diese von dem Lyoner Kaufmann Petrus Waldus im Jahr 1174 gegründete Laienbewegung hatte sich in Südfrankreich und Piemont ausgebreitet, aber nicht als Kirche anerkannt. Trotz eines Kreuzzuges 1477 und anschließenden Verfolgungen hielten sich die Waldenser und schlossen sich 1532 der Lehre Calvins an. Im Jahr 1685 kam es erneut zu schweren Verfolgungen und die Waldenser flüchteten in die Cottischen Alpen. Erneute Ausweisungen führten etwa 3000 Waldenser in die Stadt Genf. Es kam zu Verhandlungen mit protestantischen Fürsten, um in die deutschen Länder aufgenommen zu werden. Landgraf Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt war durch die Entvölkerung seines Landes nach dem Dreißigjährigen Krieg schließlich bereit die Waldenser aufzunehmen. So kamen die aus Piemont vertriebenen Protestanten französischer Sprache am 21. Juni 1699 nach Hessen. Großzügige Privilegien wie Steuerfreiheit und Befreiung vom Militärdienst veranlaßten die "Waldenser" von Basel mit Flößen auf dem Rhein nach Ginsheim zu kommen. Unter den 451 Personen befanden sich auch die Ortsgründer von Walldorf. Zum Leidwesen der Einheimischen wurden die Ankömmlinge im Norden Mörfeldens auf dem ehemaligen "Gundhof" angesiedelt. Zwei Jahre später waren durch den Mangel an Weide- und Ackerland nur noch 14 Familien mit 56 Personen verblieben, die heute zusammen mit dem Pfarrer Papon als Gründer von Walldorf gelten. Die in Walldorf jetzt verbreiteten Namen wie Cezanne, Coutandin, Reviol oder Winson haben daher ihren Ursprung.

Walldorf und die französische Sprache

Pfarrer Papon erstellte den ersten Bebauungsplan und im Jahr 1705 wurden die ersten vier Häuser und ein Jahr später die Waldenserkirche errichtet. Einhundert Jahre später wurde diese Kirche durch die "Alte Kirche" in der Langstraße ersetzt, die noch heute für den Gottesdienst genutzt wird. Aus den armseligen Hütten entlang der heutigen Langstraße entwickelte sich die Gemeinde bis der Landgraf am 24. Februar 1717 "Walldorf" als offiziellen Ortsnamen genehmigte.

Die französische Sprache der "Waldenserkolonie am Gundhof" wurde allmählich durch Deutsch ersetzt. Ab 1815 wurde auch der Gottesdienst nicht mehr in französischer Sprache gehalten. 1848 wurden 800 Einwohner in Walldorf gezählt und der sprunghafte Anstieg der Bevölkerung setzte sich 1879 durch den Anschluß an das Eisenbahnnetz fort. Die Walldorfer arbeiteten als Maurer und Zimmerleute in den umliegenden Städten, so das die Landwirtschaft von vielen "Feierabendbauern" gepflegt wurde.

Arbeitertradition und Adam Jourdan wird Bürgermeister

Bis 1918 war die Bevölkerung auf 1500 Einwohner gestiegen, doch die beiden Weltkriege stoppten den Aufschwung der Gemeinde. Mit der zwanziger Jahre folgte der Anschluß an die Stromversorgung und eine zentrale Wasserleitung löste die öffentlichen Brunnen ab. Besonders ausgeprägt war in Walldorf die Arbeitertradition und noch bei den Reichtagswahlen 1933 erhielten KPD und SPD die Mehrheit der Stimmen. Adam Jourdan wurde mit überwältigender Mehrheit zum Bürgermeister wiedergewählt, doch im März durch die Nationalsozialisten abgesetzt.

Historisches Walldorf

links: Blick in die Langstraße mit der Kirche

rechts: ein Gründerhaus - heute das Museum

Nationalsozialisten verändern Walldorf

Von der NSDAP wurde Jean Becker zunächst als kommissarischen Bürgermeister eingesetzt. Am 12. Juli 1938 überreichte ihm Kreisdirektor Klostermann die Ernennungsurkunde zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister Walldorfs. Kein Einheimischer gehörte dem Gemeinderat an, der im November 1933 von den Nationalsozialisten bestimmt wurde. Straßen und Plätze wurde unbenannt, so hieß der Rathenau-Platz jetzt Horst-Wessel-Platz und die Jourdanallee wurde die Adolf-Hitler-Allee. Mit Hellmut Althoff, Wilhelm Will, Max Weil und Adolf von Hacht wurden zwischen 1933 und 1945 vier Ortsgruppenleiter dem Bürgermeister beigeordnet. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten führte im Juni 1933 auch zur Entlassung von Rektor Adam Keil, der durch Wilhelm Freund ersetzt wurde. Wenig später erhielten die Walldorfer mit Jakob Sprenger einen Ehrenbürger. Der ehemalige Postbeamte war Reichsstatthalter von Hessen und übernahm 1935 die Leitung der Landesregierung. Die Ehrung wurde im Juni 1946 durch den Gemeinderat wieder aufgehoben.

Viele Walldorfer profitierten 1934 vom Bau der Autobahnen, die mit einer Teilstrecke unmittelbar an die Gemarkung angrenzten. Die Autobahn und der Flughafen waren während des Weltkrieges immer wieder Ziel von Fliegerbomben, doch im nahen Walldorf kam es nur einmal im Juli 1941 zu einem Angriff, bei dem es weder Tote noch Verletzte gab. Im August 1944 kam ein mit 1700 Frauen besetzter Güterzug aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ein. Die meist aus Ungarn und anderen osteuropäischen Länder stammenden Jüdinnen mußten Zwangsarbeit auf dem Flughafen verrichten und wurden in einer Außenstelle des elsässischen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof inhaftiert. Schon bald nach der Einrichtung des Lagers in den ehemaligen RAD-Baracken hinter der Weinbergschen Farm wurden von der Gemeindeverwaltung in Walldorf die ersten Sterbefälle von Häftlingen registriert. Im November 1944 wurde das Lager aufgelöst und die meisten Inhaftierten in das KZ Ravensbrück transportiert. Am frühen Morgen des 25. März 1945 näherten sich amerikanische Truppen unter General George Patton dem Walldorfer Ortseingang, wo sich Angehörige des Volksssturms verschanzt hatten. Als Hitlerjungen drei anrollende Panzer abschossen, zogen sich die Amerikaner zurück und eröffneten das Artilleriefeuer, bei dem sechs Walldorfer ihr Leben verloren. Einen Tag später trafen die Panzer der 5. US-Division auf keinen Widerstand mehr. Noch am gleichen Tag bestimmten die Besatzungstruppen Karl Fritz zum kommissarischen Bürgermeister und am 1. April 1945 kehrte der 1933 abgesetzte Sozialdemokrat Adam Jourdan wieder in das Bürgermeisteramt zurück.

Nachkriegsprobleme und die Fusion mit Mörfelden

125 gefallene Personen meldete die Gemeinde Walldorf nach dem Krieg dem Groß-Gerauer Landratsamt, die sich einer Fülle bisher unbekannter Probleme gegenüber sah. Jetzt mußten zahlreiche Heimatvertriebene und Flüchtlinge untergebracht werden, so daß die Wohnungsnot mit der Erschließung neuen Baulandes rund um den alten Ortskern und viel Eigeninitiativen gelöst wurde. Die ständige Verbesserung der Infrastruktur brachte den Wandel vom Dorf zur Kleinstadt. Am 1. Juli 1953 wurde Christian Zwilling Nachfolger von Bürgermeister Adam Jourdan. Mit 10.000 Einwohnern erhielt Walldorf am 27. Oktober 1962 die Stadtrechte, bevor 15 Jahre später die Fusion mit der Nachbarstadt Mörfelden beschlossen wurde. Bis zum 31. Dezember 1976 stellten die Sozialdemokraten mit Wilhelm Jourdan den am 1. Oktober 1973 gewählten dritten Bürgermeister nach dem Krieg. Eine seiner letzten Amtshandlungen war 1976 die Einweihung der neuen Stadthalle.

Heute zählt die Doppelgemeinde zählt 32.000 Einwohner. Menschen aus fast einhundert Nationen haben ihr Zuhause in Mörfelden-Walldorf gefunden, in dem es über 9.100 Arbeitsplätze gibt. Über 4.000 Bürger arbeiten am Frankfurter Flughafen, bei dessen Ausbau mit der Startbahn 18 West es um Auseinandersetzungen kam, an die auch die Hüttenkirche erinnert. Die Beschäftigung mit der NS-Zeit führte im Herbst 2000 zur Eröffnung eines historischen Lehrpfads rund um das ehemalige Gelände der KZ-Außenstelle.

Städtepartnerschaften für den europäischen Gedanken

Auf Initiative der französischen Stadt Vitrolles (bei Marseille) wurden 1984 die ersten Gespräche zu einer Städtepartnerschaft geführt, die noch im Herbst des gleichen Jahres durch Bürgermeister Bernhard Brehl für die Doppelstadt unterzeichnet wurde. Mit der niederländischen Stadt Wageningen (bei Arnheim) entwickelte sich die Friedenspartnerschaft aus dem Jahr 1985 sieben Jahre später in eine Städtepartnerschaft. Mit der Gemeinde Torre Pellice, dem Hauptort der Waldenserbewegung (südwestlich von Turin), wurde im Jahre 1999 zum 300. Geburtstag von Walldorf die offizielle Partnerschaft besiegelt. Heute gibt es regelmäßige Besuche von Vereinen und Bürgern mit den Partnerstädten, die den seit mehr als 50 Jahren bestehenden europäischen Gedanken mit den Zielen des kulturellen und gesellschaftlichen Austausches festigen.

 

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