Ein genialer Sieg für Silke Höttecke
Weltmeisterschaften der Feldbogenschützen in Göteborg vom 28. August bis 2. September 2006
Ausschnitte aus meinem Bericht für die Deutsche Schützenzeitung
Es war der Moment, in dem Karlheinz Bode nicht begreifen zu schien, was gerade geschehen war. Silke Höttecke hatte als erste deutsche Compoundbogenschützin den Weltmeistertitel im Feldbogenbereich gewonnen, da war der deutsche Feldbogentrainer nicht mehr zu bremsen und stürmte auf den Finalparcour.
| „Geil, Geil, Geil, einfach super"
und die Freudentränen strömten. Es war für das zwölfköpfige deutsche
Feldbogenteam der Höhepunkt, des erfolgreichsten Auftritt bei
Welttitelkämpfe. Neben Höttecke´s Goldmedaille holte das DSB-Team
weitere vier Medaillen und belegte damit unter 270 Teilnehmern aus 27
Ländern den dritten Platz in der Nationenwertung hinter Italien (dreimal
Gold) und den schwedischen Gastgebern (zweimal Gold).
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Der Weg zum WM-Gold begann für Silke Höttecke mit dem Sieg bei den Deutschen Meisterschaften in Delmenhorst. Erstmals rückte die 35-jährige Erzieherin aus Castrop-Rauxel aus dem Schatten der World-Games-Siegerin Martina Schacht und unterstrich ihre Formsteigerung. Die Lebensgefährtin von Axel Langweige fand ihre internationale Premiere auf dem Parcour im südlich von Göteborg gelegenen Kulturreservat Gunnebo „einfach nur genial". Die frischgebackene Deutsche Meisterin hielt an den ersten beiden Tagen in der Qualifikationsrunde über 144 Pfeile auf Scheiben in bekannten und unbekannten Entfernungen als Sechste Anschluss zur Weltspitze. Freilich hatte sich die französische Titelverteidigerin Francoise Volle zusammen mit der US-Meisterin Jamie van Natta an die Spitze gesetzt. Besonders die Amerikanerin übernahm als frischgebackene Weltrekordhalterin im Fita-Bereich durch 179 von 180 möglichen Ringen in der ersten Eliminationsrunde die Favoritenrolle. Die drei deutschen Compoundfrauen überstanden die erste Runde, doch beim Einzug in die Runde der besten Acht schieden World-Games-Siegerin Martina Schacht und Heike Ehrlich knapp aus. Mit 173 Ringen nahm Silke Höttecke die Hürde und zog ins Halbfinale ein, das im Stadtpark von Göteborg „Trädgardsföreningen" ausgetragen wurde.
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Der Austragungsort in der Stadtmitte zog viele Zuschauer an und auf einem flachen Parcour hatten die schwedischen Gastgeber die besten Bedingungen für eine Finalatmosphäre geschaffen. Unbeeindruckt von den vielen Zuschauern entlang der acht Finalscheiben, davon eine als Tiefschuss vom Balkon eines Hauses, besiegte Silke Höttecke im Halbfinale die Amerikanerin Jahna Davis. Die Weltmeisterin von 2000 verlor gegen die unbekannte Deutsche auf der ersten Scheibe „Bunnies" in 20 Meter Entfernung einen Ring. Diesen Vorsprung verteidigte Silke Höttecke über Scheiben in 55, 40 und 35 Meter Entfernung und zog mit 55:53 Ringen ins Finale ein. Dort wartete Gladys Willems, die die Goldhoffnungen von Jamie van Natta mit 55:54 Ringen beendet hatte. Die Belgierin hatte sich als 15. der Vorrunde in den Finalrunden deutlich gesteigert und lieferte sich mit Silke Höttecke ein hochklassiges Finale. Nach sechs Pfeilen stand es 30:30 Remis, da verschaffte sich die Belgierin bei den drei Tiefschüssen vom Balkon auf die 20-Meter Bunnie-Scheibe einen Vorteil von einem Ring. Hochspannung herrschte vor vollbesetzter Tribüne bei der letzten 60-Meter Scheibe, als die Deutsche mit dem letzten Pfeil noch den Ausgleich zum 56:56 schaffte. Im Shoot-Off behielt Silke Höttecke mit 5:4 die besseren Nerven und Sekundenbruchteile später setzte Karlheinz Bode seinem eindrucksvollen Spurt an.
Zwei Stunden vorher stand Sebastian Rohrberg im Blickpunkt des Geschehens, als sich der Titelverteidiger ein hochklassiges und an Spannung kaum zu überbietendes Duell mit dem Amerikaner Victor Wunderle und dem Italiener Michele Frangilli lieferte. „Das war der Event, den ich unbedingt wollte", so Rohrberg über den viertägigen Wettbewerb, „ich mag Schweden, das Land und die Leute". Als es um die Medaillenentscheidung ging war der schwedische Hoffnungsträger Göran Bjerendal nicht mehr dabei.
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Der Deutsche war von dem vorzeitigen Aus des Weltmeisters von 1986 enttäuscht: „Der war schon Weltspitze, wo ich noch nicht geboren war." In der Vorrunde hatte Bjerendal noch als Dritter mithalten können, doch dann dominierte Michele Frangilli eindeutig das Geschehen. Der 30-jährige Italiener war auf dem Weg zu seinem neunten Weltmeistertitel im Bogenschießen nicht zu stoppen und gewann nach der Vorrunde alle Eliminationsrunden. „Frangilli ist eine eigene Hausmarke, der schießt konsequent in die Mitte", staunte der 27-jährige über den zweifachen Feldbogen-Weltmeister und Sieger der World Games 2005. Doch zunächst musste Rohrberg die schwere Hürde ins Finale über den US-Schützen Victor Wunderle nehmen. Noch schmerzte den Deutschen die Viertelfinalniederlage der Hallenweltmeisterschaften 2005 in Aalborg, als der Silbermedaillengewinner von Sydney gegen Rohrberg mit optimalen 120 Ringen gewann. Der flache, dem Fitaschießen ähnlichen, Parcour im Göteborger Stadtpark schien alle Vorteile für den Amerikaner zu halten, doch der Halbfinalauftakt gegen Rohrberg ging für den US-Meister aus Mason City in Illinois daneben. Auf die 20-Meter Bunnie-Scheibe spielte Sebastian Rohrberg seine ganze Feldbogenerfahrung aus und ging mit 15:11 Ringen in Führung. „Dieser schnelle Vorsprung hat mich beruhigt", meinte Rohrberg zur Vorentscheidung in diesem Match, „ich war überrascht, das Wunderle auf der ersten Scheibe so viele Ringe liegen lässt." Auf die lange Distanz von 55 Meter konnte Wunderle auf 25:28 verkürzen, doch die Hoffnungen des US-Amerikaners zerstörte Rohrberg auf die 40 und 35-Meter Scheiben entlang des Göteborger Kanals. Nach 12 Schüssen hatte der Deutsche mit 57:51 Ringen klar gewonnen und für das Finale ein klares Zeichen gesetzt. Michele Frangilli hatte gegen den Belgier Piquet nur mit 56:50 gewonnen. Im Goldfinale war Frangilli und Rohrberg anzumerken, dass es um mehr ging als um den Weltmeistertitel. Es ist ein seit Jahren im Feldbogenbereich anhaltender Zweikampf mit wechselnden Erfolg für beide Konkurrenten. Nach der Niederlage im Jahr 2004 wollte sich Frangilli den Titel unbedingt zurückholen und auf dem Parcour war der Italiener hoch konzentriert und blieb selbst bei den „Michele, Michele"-Anfeuerungsrufen ungerührt. Bei den ersten drei Pfeilen auf 45 Meter Entfernung traf Sebastian Rohrberg jeweils optimal ins Gold, doch Frangilli hielt dagegen und die beiden Finalisten gingen mit 15:15 Remis zur 35-Meter Scheibe. Rohrberg´s dritter Pfeil landete in der Vier: „Die war unnötig, ich hätte absetzen sollen", analysierte der Deutsche die letztlich entscheidende Phase. Vom Balkon herab schenkten sich beide Konkurrenten nichts und mit 45:44 hatte Frangilli einen knappen Vorsprung vor der letzten Scheibe auf 60 Meter Entfernung. Als dem Italiener zwei Vierer unterliefen, hatte Rohrberg mit dem letzten Pfeil die Chance zum Ausgleich. „Ich habe ein wenig links angehalten", so Rohrberg über seinen letzten Schuss, mit dem er nur eine Vier traf, „im ersten Moment habe ich mich sehr geärgert, dass ich die Chance zum Shoot-Off vergeben habe." Minuten später wirkte Rohrberg dennoch zufrieden über den Vizemeistertitel: „Ich hatte kein Angst vor dem Match mit Frangilli, letztlich hat das Glück entschieden. Jetzt gehe ich in die Hallensaison und werde mich auf das Fita-Saison 2007 vorbereiten. Das Feldbogenschießen ist meine Heimat, doch jetzt habe ich auch für die Fita den Willen."
Neben Sebastian Rohrberg ging Henning Lüpkemann als zweiter deutscher Starter mit dem Recurvebogen an den Start. Nach Rang 14 in der Vorrunde steigerte sich der 23-jährige und zeigte mit 169 von 180 möglichen Ringen in der zweiten Eliminationsrunde als Fünfter seine beste Leistung. Den Einzug ins Finale der besten Vier verpasste Lüpkemann in der zweiten Eliminationsrunde als Siebter.
Nicht an ihre gute Leistungen vergangener Jahre konnten Hedi Mittermaier und Manuela Kaltenmark in den Einzelwettbewerben der Frauen mit dem Recurvebogen anknüpfen. Die ehemaligen Vizeweltmeisterinnen kamen in der Vorrunde nicht über die Ränge neun und zwölf hinaus und schieden in der Eliminationsrunde vorzeitig aus.
Besser als erwartet hielten sich die deutschen Männer mit dem Compoundbogen. „Das war das beste, was ich bisher international geschossen habe", so Andreas Franzen über seinen achten Platz im Einzelwettbewerb. „Der Kurs war relativ einfach, doch durch den aufkommenden Wind wurde der Wettkampf durch das lange Halten zäh. 710 Ringe in der Vorrunde zur Qualfikation für die Elimination, ist das höchste Ergebnis was es bisher je gegeben hat. Als erster deutscher Compoundschütze schied Roland Pepperl als 15. in der ersten Eliminationsrunde aus. „Jede Vier wirft dich hier um drei bis vier Plätze zurück", so der 33-jährige Wuppertaler, „das ich am dritten Tag in diesem Klassefeld noch schießen durfte, damit habe ich mein Minimalziel erreicht." Zusammen mit Axel Langweige zog Andreas Franzen ins Viertelfinale ein. „179 von 180 Ringe waren dafür nötig", damit übertraf der 48-jährige Hamburger alle Erwartungen, „unter den letzten Acht waren Axel und ich wohl die einzigen Amateure."
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Während Franzen den Einzug ins Finale
der besten Vier verpasste, glückten Axel Langweige optimale 180 Ringe und
hatte damit das Medaillenfinale im Göteborger Stadtpark erreicht.
Angespornt vom Erfolg Silke Höttecke wollte der 37-jährige seiner
Lebensgefährtin nicht nachstehen, doch im Halbfinale wartete mit Dave
Cousins eine unüberwindliche Hürde. Gegen den 30-jährigen
US-Amerikaner, der 2002 den Weltmeister und 2005 den World-Games-Titel
gewonnen hatte der Deutsche Meister mit 58:60 Ringen keine Siegchance. Im
anschließenden kleinen Finale um Bronze verpasste Langweige gegen den
US-Schützen John Dudley mit 58:59 den Sprung auf das Siegerpodest.
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Die erwartete Medaille holte Monika Jentges, doch die World-Games-Siegerin und WM-Titelverteidigerin musste sich mit Silber begnügen. Seit vier Jahren ungeschlagen verlor die 43-jährige ihren Titel gegen die Italienerin Luciana Pennacchi. Nach der Vorrunde sah alles zunächst nach einem Erfolg für Reingild Linhart aus. Doch die Hoffnungen der österreischischen Weltmeisterin von 2000 zerstörte Monika Jentges im Halbfinale. Bis dahin hatte Linhart mit einem klaren Erfolg in der Qualifikation den Wettbewerb dominiert, doch in der Elimination steigerten sich die beiden deutschen Schützinnen. Monika Jentges verbesserte sich auf Rang zwei und Jutta Schneider-Borns zog als Fünfte in die Runde der letzten Acht ein. Das Aus für Jutta Schneider-Borns, die 1994 und 1998 zweimal WM-Dritte wurde, kam in der zweiten Elimination als Siebte, während Monika Jentges knapp als Vierte den Einzug ins Finale der besten Vier schaffte. Gegen die bis dahin dominierende Österreicherin geriet Monika Jentges zunächst mit 11:12 in Rückstand, doch dann drehte die Deutsche das Match bei drei Pfeilen auf die 45-Meter Scheibe. Mit 23:20 Ringen zog sie ihrer Konkurrentin davon und hatte das Finale gegen die Italienerin erreicht. Bei den World-Games hatte sich Monika Jentges gegen Luciana Pennacchi durchsetzen können, doch im Göteborger Stadtpark war die Italienerin in der entscheidenden Phase auf der letzten Scheibe nicht mehr zu stoppen und holte sich mit 47:41 erstmals den Titel.
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Zwar ohne Medaille, doch mit dem sechsten Einzelrang mehr als zufrieden war Karlheinz Clauter im Einzelwettbewerb der Blankbogenschützen. „Das ist schon was für mich", so der 49-jährige Schreiner aus dem rheinhessischen Eich. Als Siebter der Qualifikation hatte der dreifache Familienvater mit den dominierenden Schweden und Italienern mithalten können und schaffte als Achter den Einzug in die zweite Eliminationsrunde. „Seit der Deutschen Meisterschaften schieße ich wieder mit meinem alten Bogen", begründete Clauter seine Leistungssteigerung, „denn mein neuer Bogen hatte sich bei Stress nicht bewährt." Den Einzug ins Finale der besten Vier hatte Clauter knapp verpasst, doch dafür hatte er entscheidenden Anteil am dritten Platz der deutschen Herrenmannschaft. „Der Mannschaftswettbewerb wird durch den Blankbogenschützen entschieden", wusste Karlheinz Clauter über seine wichtige Rolle im Herrenteam, nachdem er sich in der Qualfifikation vor Ernst Crome durchsetzen konnte. „Bei der deutschen Rangliste war ich im Frühjahr nur auf Rang vier und jetzt habe ich meine erste WM-Medaille gewonnen." Zusammen mit Axel Langweige und Sebastian Rohrberg hatte sich Karlheinz Clauter nach Rang drei in der Teamqualifikation im Viertelfinale zunächst gegen die slowenische Mannschaft durchgesetzt. Der 113:104 Sieg war in keiner Phase gefährtet, doch im Halbfinale wartete das italienische Team mit Michele Frangilli. Karlheinz Clauter unterlief eine Eins auf die 15-Meter Scheibe „Bunnies": „Ich hatte Scheibenpanik auf die kurze Entfernung", beschrieb er seine schwächste Phase, „und danach habe ich nicht mehr reinhalten können." Die Italiener nutzten die deutsche Schwäche und zogen über 12:9 auf 26:20 davon. „Sechs Ringe Rückstand, das ist gegen Italien zuviel und wir mussten uns auf Bronze konzentrieren." Mit 53:48 zogen die Italiener ins Goldfinale ein, in dem auch ein überragender Frangilli den 56:53 Erfolg des US-Teams nicht verhindern konnte. Im kleinen Finale geriet das deutsche Trio gegen die Schweden in Rückstand, hielten aber bis zur letzten Scheibe mit 41:42 Anschluss an die Weltmeister der Jahre 2000 und 2002. Als der schwedische Routinier Göran Bjerendal mit einer Drei patzte, kam die Chance des deutschen Teams. Mit einer Vier schaffte Karlheinz Clauter die Wende und die Pfeile von Axel Langweige und Sebastian Rohrberg sicherten mit 54:52 die zweite deutsche WM-Medaille nach dem Vizemeistertitel im Jahr 2002. Im Finale hatte Compoundbogenschütze Axel Langweige immer optimal in die Fünf getroffen und hatte damit den größten Anteil am Medaillengewinn. „Ich habe meine Arbeit gemacht", stellte Langweige nach seiner ersten WM-Medaille fest, „doch Karlheinz Clauter hat super geschossen und er hat das hier gewonnen."
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Bei den Frauen hatten Monika Jentges, Manuela Kaltenmark und Silke Höttecke im Mansnchaftswettbewerb die Vorrunde auf Rang vier abgeschlossen und in der ersten Finalrunde mit den Sloweninnen (105:95) keine Probleme. Nur einmal, im Jahr 1994, hatte eine deutsche Damenmannschaft den Weltmeistertitel bisher gewonnen, doch im Gunnebo-Kulturreservat lief es für das Trio um die überragende Silke Höttecke optimal. Gegen die französischen Titelverteidigerinnen hielten die drei Deutschen ihren frühen Vorsprung und zogen mit 50:49 ins Goldfinale gegen Schweden ein. „Ich habe erstmals mit einer Mannschaft geschossen", erzählte Silke Höttecke über den Wettkampf, „man kann dabei reden, das beruhigt ungemein." Die deutsche Compoundschützin blieb auch im Finale gegen Schweden fehlerlos, doch Vierer von Monika Jentges und Manuela Kaltenmark nutzten die glänzend aufgelegten Schwedinnen zum 56:50 Sieg. „Petra Ericsson hat ihre Leistung abgerufen, dadurch waren die Schweden nicht zu schlagen", zog Monika Jentges ihr Fazit über die Niederlage, „an der letzten Scheibe war ich zu schlapp."