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Emma und die Schweizer Garde am Männlichen

Sparkassen-Skiwochenende in Grindelwald

 

Ich spüre die Sonnenstrahlen im Gesicht. Die überwältigende Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau erhebt sich über einer weißen Welt, doch meine ganze Konzentration gilt jetzt einem unscheinbaren Felsen vor mir. „Am Hundschopf trennen sich Mut, Respekt, Risikobereitschaft, Taktik, Sprungtechnik und Linienwahl. Auf engstem Raum kommt zum Tragen, was von Abfahrern überhaupt verlangt wird“ so beschreibt Skilegende Bernhard Russi die Schlüsselstelle der Lauberhornabfahrt. Der Hundschopf ist der Ort, mit dem die 4.480 Meter längste Skiabfahrt der Welt verbunden wird.

 

Vom Start weg tragen mich meine Skier über die ersten Gleitpassagen hinab. Heute ist ein guter Tag, ich fühle mich wie einer meiner berühmten Vorgänger. Ob Toni Sailer, Franz Klammer, Markus Wasmeier oder zuletzt Bode Miller – alle berühmten Skifahrer haben die Strecke  in knapp zweieinhalb Minuten vom 2.315 Meter hohen Lauberhornrücken bis ins Ziel auf 1.290 Meter in Wengen gemeistert und gewonnen. Heute ist mein Tag!

 

Ich nehme die enge S-Kurvenanfahrt und setze an zum Sprung über den Hundschopf. Die Menschenmassen auf den Felsen jubeln mir zu, doch plötzlich……

 

„….wegen Sturm sind alle Anlagen im Skigebiet „Kleine Scheidegg“ und „Männlichen“ geschlossen!“ Plötzlich und unvermittelt endet mein Traum vom Sieg auf der Lauberhornabfahrt. Der Traum, einmal mit 160 Stundenkilometer den „Haneggschuss“ hinunterzurasen und mit letzter Kraft das Ziel-S  zu erreichen. Es war alles nur ein Traum – ich bin zurück in der harten Realität und blicke in die Gesichter meiner Sparkassenkollegen, mit denen ich erwartungsvoll zu einem Skiwochenende in die Schweizer Berge gefahren bin.

 

„Die Schneelage ist momentan in Grindelwald gut und wir werden sicherlich wieder einmal recht viel Spaß haben“, hatten die Organisatoren Petra und Hans-Dieter bei der Abfahrt am Freitagmittag in Gernsheim angekündigt. 15 Kollegen hatten sich eingefunden, um die jahrelange Tradition der Sparkassen-Skiwochenenden fortzusetzen. Begonnen hatten die Skifreizeiten unter Sparkassenkollegen einst in Grindelwald und das Skigebiet der Jungfrauregion war diesmal wieder das Ziel.

 

 

Traditionell ist auch die Einstimmung auf die zu erwartenden herrlichen Tage in einem der schönsten Schweizer Skigebiete. Schwerpunktmäßig sorgten verschiedene Sektmarken für fröhliche Gesichter unter den Kollegen und die sechsstündige Fahrzeit im Bus verging trotz des hohen Verkehrsaufkommen am Freitagabend in Richtung Basel wie im Fluge.

 

 

Etwas irritiert waren nur die Kenner der Region, als der Busfahrer nicht in Richtung Grindelwald fuhr, sondern die Autobahn bei Interlaken in nördliche Richtung verließ. Statt in dem berühmten Wintersportort, übernachteten  wir im Landhotel „Golf“ bei Interlaken – mitten im Grünen. Von Schnee war hier weit und breit nichts zu sehen und zum Golfspielen hatten wir an diesem Wochenende keine Lust. Egal, das Hotel hatte eine gemütliche Hausbar und verständnisvolle Bedienungen, die uns meist angeheiterten Sparkässler mit einem Lächeln ertrugen. Mit zunehmenden Genuss von „Herrgöttli“-Bier, wahlweise auch als „Stange“ wurden die Probleme der Welt gelöst. Als Verstärker eignete sich auch die Auswahl diverser Whiskey-Sorten, ob auf Eis oder mit Cola. Weit nach Mitternacht hatten eine Reihe von „Barhockern“ sichtlich vergessen, das schon um 8.15 Uhr am Morgen die Abfahrt des Busses in Richtung Grindelwald avisiert worden war – oder hatte ich mich da nur verhört ?

 

Das hartnäckige Rappeln des Wecktons meines Handys hörte einfach nicht auf und ich gab meinen Widerstand gehen das Aufstehen um 7.15 Uhr – kurz nach Mitternacht, oder so ähnlich – auf. Nach den nötigsten Auffrischmaßnahmen im Bad glaubte ich eine Viertelstunde später einer der ersten Sparkassenkollegen im Frühstücksraum zu sein, doch…..

 

….weit gefehlt. Da saßen sie schon alle – naja. Immerhin hatte ich schon meinen kompletten Skianzug an – es fehlte nur noch die Liftkarte und dann konnte es für mich losgehen. Meine Kollegen dagegen, im Freitzeitkleidung – was ist denn das ? Ärgerlich war, das kein Platz mehr im Frühstücksraum frei war und meine Versuche, einen Stuhl zu „stibitzen“ schlugen auch fehl. Der herzhafte Kaffee holte mich schließlich ins Reich der Lebenden zurück und eine Portion „Bircher Müsli“ war die Grundlage zum Start in den Tag.

 

Pünktlich um 8.15 Uhr saßen alle – gestylt für einen tollen Skitag – im Bus, doch ein Blick zum Himmel hatte schon nichts Gutes ahnen lassen. Das Orkantief „Emma“ hatte auch in der Schweiz ganze Arbeit geleistet. Wegen Sturm hatten die Liftgesellschaften alle Anlagen geschlossen und unser Busunternehmer verzichtete auf die Fahrt ins Skigebiet. Als Alternative kam von ihm der Vorschlag: „Wer will, kann an mit nach Bern fahren.“

 

„Bern – das Wunder von Bern!“ Gut, eine Alternative zu diesem Vorschlag hatten wir nicht und außerdem herrschte ja „Fritz-Walter-Wetter“. Auf der Fahrt nach Bern – wir hatten uns vorher von Skifahrern in normal Sterbliche zurück verwandelt – kamen wir entlang des Thuner Sees („kommen da die Thunfische her?“) an der Ortschaft Spiez vorbei. Hier wurde einst „der Geist von Spiez“ begründet, mit dem Trainer Sepp Herberger 1954 die deutschen Fußballer zum Weltmeistertitel führte. Jetzt waren wir in Bern – die Hauptstadt der Schweiz gefällt durch ihre Altstadt mit den durchgehenden Laubengängen sowie zahlreichen historischen Brunnen mit Motiven aus dem 16. Jahrhundert. Wir schlenderten durch die Stadt, verbanden ein wenig Kultur mit dem Blick auf das Parlamentsgebäude, welches als „Spiegel der Schweiz“ gilt, bevor sich bei den Kollegen Hunger und Durst einstellte. Eine glückliche Fügung führte uns in ein Gasthaus mit Walliser Spezialitäten. Dazu noch eine gut gelaunte und flirtfreudige Bedienung und wir konnten neben den bekannten „Stangen“ eine Reihe von Rösti-Varianten genießen.

 

 

Begeisterung über den ausgefallenen Skitag kam aber nicht auf, auch nicht durch den Glühweinempfang bei der Rückkehr ins Hotel – bei zehn Grad Plus war einem nicht nach Glühwein – unser Problem lösten wir wenig später mit „Herrgöttli“ und „Stangen“. Jetzt kam die Zeit der Skeptiker und Optimisten. „Wir werden an diesem Wochenende wohl kein Ski mehr fahren“, oder „morgen wird sicher ein guter Tag“ – dazwischen bewegten sich die Erwartungen, bevor „Tristan“ unsere Frauen völlig aus dem Häuschen geraten ließ. Plötzlich wollte Jede die schöne Königstochter Isolde sein, die sich einst unsterblich in den vermeintlich besonders tugendhaften Ritter verliebte. Doch das traurige Ende von „Tristan und Isolde“ blieb unseren Sparkassenfrauen erspart. Viel mehr hatten sie sich im Anfall von Begeisterung für den schönen Hotelkaufmann-Auszubildenden in eine „Schweizer Garde“ verwandelt. Schon ein wenig merkwürdig unsere Frauen…..

 

Gut, unsere „Schweizer Garde“ hielt mit den gesottenen Männern an der Bar nicht mit – hatten aber wohl Wolfgang beeinflusst. „Der Skifahrer“ unter uns, nur selten von seiner Goldwin-Skijacke getrennt, war plötzlich aus der Bar verschwunden – hatte seine strategische Position in Zapfhahnnähe aufgegeben und sich ins Bett verabschiedet. Wir werden halt alle älter !

 

„Und täglich grüßt das Murmeltier“ – wieder war es 7.05 Uhr morgens – wieder war ich eine halbe Stunde später im Frühstückszimmer und wieder war ich der Letzte der Sparkassenkollegen. Wo liegt eigentlich mein Problem ? Gut, die letzten beiden Grappas hätten nicht sein müssen. Der „Four Rouses“-Whiskey war aber schon gut und zwischendurch mal eine „Stange“ – das alles verbunden Gesprächen unter netten Kollegen der verschiedensten Bereiche. Hier sind wir alle Sparkasse und der Verbund war auch dabei.

 

Wieder war es 8.15 Uhr und diesmal fuhr unser Bus  in Richtung Grindelwald. Über die kurvenreiche Strecke von Interlaken bis zur Bahnstation Grund wurde ich an mein nächtliches „Herrgöttli“-Vergnügen erinnert und mir war nach allem Anderen, als nach Skifahren.

 

Wie oft war ich schon im Skigebiet der Jungfrauregion ? Seit den Achtziger Jahren bin ich regelmäßig auf den Pisten zwischen „Männlichen“ und „Lauberhorn“ unterwegs gewesen, doch diesmal traf mich der Anblick wie ein Schock. Fast alles war grün, von der Bahnstation in Grindelwald-Grund hinauf zum  Lauberhorn war kaum Schnee zu sehen – welch ein Albtraum! Da sind keine Talabfahrten mehr möglich, für die Grindelwald unter Skifahrern so beliebt ist. Mehr oder weniger schlecht gelaunt stapfte ich mit meinen Skischuhen zum Bahnhof und dort hatte sich die Gesellschaft der Jungfraubahnen noch ein besonderes Schmankerl für uns Unentwegten ausgedacht. Da am frühen Morgen um 9.00 Uhr noch kaum Skifahrer da waren, durften wir mit – wohl einem der ersten Züge – der einhundert Jahre alten Jungfraubahn in Richtung Kleine Scheidegg fahren. Es klapperte und ratterte, zeitweise musste der aus zwei Wagen bestehende Zug auch mal verschnaufen. Höhepunkt war eine längere Standzeit in einem Tunnel – werden wir wohl noch unser Ziel in 2.200 Meter Höhe erreichen ?

 

 

Gemächlich, ganz wie die Schweizer, erreichten wir schließlich den berühmten Bahnhof unterhalb der Eigernordwand. Diese eindrucksvolle 1.650 Meter fast senkrechte Wand erhebt sich über uns, doch unsere Kolleginnen haben ganz andere Sorgen. Die lange Zugfahrt zeigt Wirkung und bis alle wieder von der Toilette zurück waren, konnte ich mich geistig etwas wieder aklimatisieren. Ganz langsam kehrte das Gefühl zurück – das Gefühl eines Traums vom Skifahren. Das Lauberhorn lag noch im Nebel und die letzten Nachzügler des Orkantiefs „Emma“ wehten uns um die Nase. Kalt war es nicht, doch ungemütlich – aber mehr und mehr fühlte ich mich zurück im Element. Also machen wir es wie immer. Über die Gleise, vorbei am Scheidegg-Restaurant in Richtung „Wixi“. Seit vielen Jahren beginnt für mich jeder Skitag mit der ersten Abfahrt am „Fällboden“ – einfach auch zum Aufwärmen. Meine Kollegen waren nicht ganz so begeistert davon. Schließlich muss man eine ganze Weile sich mit kräftigen Stockschüben voran bewegen, doch danach war keine Skigymnastik mehr notwendig. Der „Wixi“-Lift brachte uns dann das Gefühl des Mythos „Lauberhornrennen“ zurück. Die Doppelsesselanlage lässt den Skifahrer über die Rennpiste hinaufschweben und lädt ein zu diesem Traum mit dem Sprung über den „Hundschopf“. Doch am Lauberhorn fand gerade ein Rennen für Schweizer Schulklassen statt und so fuhren wir zurück zur „Kleinen Scheidegg“ und als Kenner des Skigebietes behielt ich ein glückliches Händchen mit der Entscheidung, den Schleichweg zum „Männlichen“-Bereich zu nehmen. Durch den Regen am Vortag bis auf 2.000 Meter Höhe waren die Skipisten weich, doch auf „Männlichen“ wurden die Bedingungen – auch durch die Sonne, die sich gegen die dichten Wolken durchsetzte – wesentlich besser. Jetzt war die gute Laune unterwegs und die Sparkassengruppe hatte sichtlich Spaß an den Abfahrten bis die ersten Ermüdungserscheinungen ihren Tribut forderten.

 

 

Es kam die Zeit der begeisterten Skifahrer auf den Pisten und der Sonnenanbeter an der Männlichen-Bar. Petra hatte ihre „Schweizer Garde“ um sich versammelt, verstärkt durch Michael, der sich unvermittelt den Beinamen „die Lawine“ verdiente. Ganz nach dem Lied von Reinhard Fendrich „Es lebe der Sport“ hatte sich Michael zwanglos von seinen Ski befreit und sich kopfüber in die Abfahrt gestürzt. Nix passiert, aber gegen Mittag wurden die Skipisten sulziger und unsere skifahrende Gruppe immer kleiner.

 

 

Klaus und Christina hatten sich jetzt was Besonders einfallen lassen. „Der Gummi ist wieder offen“, hatte der erfahrene Skiexperte erkannt und damit die Möglichkeit, am Nachmittag sich doch noch den Traum der Lauberhornabfahrt zu erfüllen. Mit Christina, doch ohne Erfahrung im Skigebiet machte sich Klaus auf den Weg und es kam wie es kommen musste. Den „Hundschopf“ meisterten beide, aber als der „Haneggschuss“ bevorstand, wählten sie eine Umfahrung und landeten prompt in Wengen. In dem traditionsreichen und autofreien Wengen benötigt es schon einige Ortskenntnis um die Gondelstation zum „Männlichen“ zu finden. Klaus und Christina entschieden sich für die „Bähnli“-Variante und die braucht viel Zeit zurück zur „Kleinen Scheidegg“.

 

 

Um 16.00 Uhr hatten wir uns am Bus zur Rückfahrt an der „Männlichen“-Talstation verabredet. Alle waren rechtzeitig da, nur zwei fehlten und die fehlten lange. Kein Handy war erreichbar – was war passiert oder war was passiert ? Schweißnass und viel zu spät kamen die beiden Vermissten schließlich zum Bus. „Das haben wir völlig unterschätzt“, so Klaus über die Rückkehr aus Wengen. Immerhin sind von der Kleinen Scheidegg noch etwa zehn Kilometer Abfahrt bis ins Tal zu bewältigen und davon ist der letzte Kilometer fast flach nur im anstrengenden Schlittschuhschritt möglich.

 

Jetzt aber schnell, es war keine Zeit mehr zum Umziehen und so saß unser Klaus mit Sturzhelm zur Abfahrt im Bus – aber er lieferte den Stoff für neue Geschichten rund um das Sparkassen-Skifahren und die Erzählvarianten uferten in den anschließenden Stunden der Rückfahrt über das Erlebte aus.

 

Beim Zwischenstopp auf der Rückfahrt in der Raststätte „Breisgau“ hatte Ute vom Busfahrer die kaum glaubhafte Auskunft bekommen: „Um 21.37 Uhr sind wir am Parkplatz in Gernsheim“ Unter dem Jubel aller Teilnehmer schaffte es Fahrer Thomas tatsächlich, seine Vorhersage auf die Minute einzuhalten. Mit einem Kreis zum Abschluss – wie bei Eishockey- oder Fußballmannschaften – und einem dreifachen „Ski-Heil“ verabschiedeten sich die Sparkassenkollegen, nicht ohne das Versprechen: „Im nächsten Jahr wollen wir wieder zusammen Ski fahren.“

 

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