50 Kilometer zu einer alten Liebe
Fahrradtour des Firmenkundencenters
Wir waren uns fremd geworden, wir hatten uns außereinander gelebt und fast hätte ich es vergessen. Mein Fahrrad und ich hatten uns schon lange nicht mehr gesehen. Doch eine alte Liebe vergisst man nie und so kam der Tag, als ich es aus der hinteren Kellerecke wieder ans Tageslicht holte.
Was war geschehen? Schuld daran war Berlin und die Vision mit einem Oscar.
Mit dem Firmenkundencenter der Sparkasse hatten wir einen „Visions-Oscar“ bekommen und diese Leistung sollte mit einem gemeinsamen „Event“ belohnt werden. Meine Idee, mit den FKC-Kollegen ein Wochenende in Berlin zu verbringen fand zwar viel Anklang, doch als der Plan konkret wurde, waren es nur noch eine Handvoll Kollegen, die mitfahren wollte. Die Diskussion um eine Alternativveranstaltung endete schließlich mit dem Vorschlag von Jens, einen Fahrradausflug zu unternehmen.
„Fahrradfahren“, was war das eigentlich? Vor mehr als 200 Jahren erfunden, zeichnet sich die meistgebauteste Maschine der Menschheit dadurch aus, dass sie durch Muskelkraft betrieben wird. Eben Muskelkraft….und das in meinem Alter. Meine Kollegen waren aber – fast alle – begeistert und Jens schaffte es mit einer Tour „von nur 18 Kilometern“ Jeden von seiner Idee zu überzeugen.
Der 22. September rückte immer näher. Ob mein Fahrrad noch funktioniert? Zwei Tage vorher entschloss ich mich zu einer Testfahrt von zwei Kilometer. Immerhin die Gangschaltung funktionierte noch reibungslos und mit reichlich öliger Unterstützung wurden alle beweglichen Teile wieder belebt. Vorsorglich testete ich auch noch die Lichtanlage, aber bei nur 18 Kilometern sollte die nicht benötigt werden.
Endlich war der mit Spannung erwartete Samstagmorgen da. Mit einem Dutzend FKC-Kollegen wurde als Startpunkt die Treburer Eisdiele verabredet. Ob von Kelsterbach, von Klein-Gerau oder Erfelden und Leeheim, aus allen Himmelrichtungen des Kreises Groß-Gerau radelten die Kollegen in Richtung Trebur. Ich wurde von der „Rüsselsheimer Gruppe“ in Königstädten sogar abgeholt – ob Liane sicher gehen wollte, das ich auch mitfahre ?
Das Fahrradfahren nicht für jeden Kollegen selbstverständlich ist, wurde mir in den nächsten Stunden bewusst. Besonders unsere jüngeren Kollegen kämpften mit den Tücken der Fahrradtechniken. Probleme mit den Gangschaltungen machten diesen Samstag für Filiz und Bastian nicht gerade zu einem Vergnügen.
Doch die Anfahrt zum Treburer Treffpunkt verlief problemlos. Acht Kilometer als Flachetappe und das Gefühl kehrte zurück. Es ist wohl doch eine alte Liebe, auch der Schmerz im Hinterteil kam mir sehr bekannt vor.
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Die erste Etappe wurde ausgiebig mit einem Capuccino begossen, bevor die „offizielle Etappe“ in Richtung Gut Hohenau begann. So ein Dutzend Banker auf Fahrrädern ist schon ein Ereignis. Die Abenteuer der individuellen Anfahrt mussten Jedem und Jeder erzählt werden und nur einer wusste wo es lang geht. Doch Jens fuhr am Ende der Gruppe – nennt man wohl auch: Führung von hinten! So fuhren wir mit einem gemächlichen Zehn-Kilometer-Schnitt durch die schöne Auenlandschaft in westlicher Richtung auf dem verkehrsberuhigten Riedweg bis zum Steindamm am Rheinufer. Das Tor zur Rheininsel Langenau erinnerte mich mit seinem Kopfsteinpflaster an das berüchtigte Radrennen Paris/Roubaix: „Die Hölle des Nordens“. Über einige hundert Meter wurde von Mensch und Maschine alles gefordert…und durchgeschüttelt. Dem Kopfsteinpflaster folgte ein zwei Kilometer langer Schotterweg und dann endlich unser erstes Ziel: Das Hofgut Langenau.
Seit dem 15. Jahrhundert hat das Hofgut Langenau eine wechselvolle Geschichte, zu der auch Johannes Gutenberg gehört. Der Erfinder der Buchdruckerkunst gehörte zur Mainzer Patrizierfamilie „zu den Gensfleischs“, die bis 1510 Eigentümer des Hofguts waren. Heute ist man auf dem Gut Langenau zu Gast „beim Kreuzer“ und die Rheinterrasse ist mit seiner Ruhe und Beschaulichkeit der Hauptanziehungspunkt für Gäste.
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„Wer trinkt keinen Apfelwein“, vorbei war es mit Ruhe und Beschaulichkeit, als Roger sich um die Trinkfestigkeit des FKC-Dutzend kümmerte. Dazu Feuer- oder Bratwurst und der erste Stopp bei strahlenden Sonnenschein brachte die Erkenntnis: „Hier könnten wir eigentlich bleiben.“ Doch unser Jens-Organisator hatte seinen Zeitplan im Blick und schon bald fuhren wir – sichtlich belebt – Richtung Ginsheim durch die Nonnenau. Die Halbinsel fasziniert mit ihrem alten Baumbestand aus knorrigen Eichen und raschelnden Pappeln. Bald erreichten wir die „Johanna“, eine private Fähre, die uns über den Altrhein zurück auf's "Festland" nach Ginsheim brachte.
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Nach der anstrengenden Seereise war es Zeit für ein erstes Erinnerungsbild. Am „Ginsheimer Anker“ wurden alle FKCler ins richtige Licht und Bild gesetzt, bevor wir auf dem Rheindamm entlang in Richtung Gustavsburg aufbrachen. Kaum zu glauben, dass vor fast 400 Jahre hier der Schwedenkönig Gustav-Adolf für eine wechselvolle Geschichte sorgte und mit seinem Rheinübergang nach Mainz der heutigen Gemeinde ihren Namen gab. Für unseren Rheinübergang nach Mainz wählten wir die Südbrücke. Diese 1860 errichtete Eisenbahnbrücke war die erste Verbindung nach Mainz, doch der eine Kilometer über den Rhein zeigte, dass die Brücke inzwischen einer dringenden Sanierung bedarf. Das Klappern der Tragplatten beim Überfahren mit dem Rad ergänzende die Enge des kombinierten Rad- und Fußweg zu einem leichten Unwohlsein beim Blick nach unten zu den durchfahrenden Schiffen. „Warum geht´s nicht weiter“, immer wieder kamen die Rufe von hinten. An ein Überholen von Fußgängern war aber nicht zu denken und bei entgegenkommenden Radfahrern und Fußgängern ein Anhalten unvermeidbar.
Schließlich hatten wir alle wohlbehalten den Rheinübergang „Südbrücke“ gemeistert, da ahnte – mit Ausnahme von Jens-Organisator – niemand, das jetzt die härteste Prüfung der Radtour folgte. Von den westlichen Brückentürmen begann der Auffahrt zum Mainzer Stadtpark. Hier sollte sich unser Dutzend zu einer „Wilden 13“ ergänzen, denn unser „Mainzer Ulrich“ kam von Laubenheim dazu. Der Park liegt zwischen Alt- und Oberstadt und so zieht sich der Radweg stetig in die Höhe in den Garten des ehemaligen Mainzer Lustschloss „Favorite“. Die „Bergwertung“ entschied Roger mit knappen Vorsprung gegenüber Liane für sich. Die übrigen FKCler bedauerten spätestens jetzt, dass sich ihre Dopingmaßnahmen auf Bier und Apfelwein konzentriert hatten. Mein Dank galt in diesen Minuten meinem Fahrrad – welch ein Glück, dass die Niedrigen der 21 Gänge problemlos funktionierten und ich zwar mit Atemnot, doch glücklich zu unseren „Gipfelstürmern“ aufschließen konnte. Nach und Nach tröpfelten – mehr oder weniger gut gelaunt – die übrigen FKCler ein und wurden mit einem kühlen Bier im nahen Gartenlokal belohnt. Naja, nicht Alle – ich wurde für meinen Eiskaffee von den „harten Männern“ schon etwas mitleidig belächelt.
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Jetzt übernahm unser „Mainzer Ulrich“ die Führung der Radtour vom Stadtpark in Richtung der Sektkellerei „Kupferberg“. Das Flaggschiff der Mainzer Sektherstellung liegt auf der Anhöhe Kästrich, doch zum Glück hatten wir mit dem Aufstieg zum Stadtpark schon die nötige Anfahrtshöhe erreicht. Etwa eine halbe Stunde standen wir problemlos vor dem Eingang der 1850 gegründeten Sektkellerei. |
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Die Führung durch die tiefen historischen Kelleranlagen gehörte zu den Höhepunkten unserer Besichtigung ebenso, wie ein kurze Visite des „Bismarckzimmers“. Der Reichskanzler hatte 1870 das Zimmer für einige Tage zum „Bureau des Auswärtigen Amtes“. Die weltweit größte Sammlung von Sekt- und Champagnergläsern, vom venezianischen „cristallo“ aus der Zeit der Renaissance bis zum hochmodernen und extravaganten Designerstück konnten wir uns funkelnde Stücke der Kulturgeschichte ansehen, doch uns fehlte etwas Prickelndes. „Trocken, harmonisch, elegant ist Kupferberg Gold“ und wir konnten uns ein Gläschen schmecken lassen, bevor wir nach einem kurzen Aufenthalt im Park auf der Kupferbergterrasse uns beschwingt wieder auf die Weiterfahrt machten.
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Jetzt gings abwärts durch Mainz zum Rhein und der Theodor-Heuss-Brücke. Nach 400 Meter hatten wir den Rhein wieder überquert und sahen schon unser nächstes und geplant letztes Ziel: „Pieter van Aemstel“. Dieser Dreimastschoner war einst als Heringsfänger in der Nordsee und im Eismeer unterwegs und hat seit mehr als zwanzig Jahren seinen Liegeplatz vor Mainz-Kastel in unmittelbarer Nähe der Reduit-Festung. Das Restaurantschiff liegt nur drei Minuten von einem S-Bahnhof entfernt, doch unsere „18 Kilometer“ hatten wir schon längst vergessen. Irgendwie hatte es unser listiger Jens-Organisator geschafft, uns weit über die geplante Fahrtstrecke hinaus zu begeistern.
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Auf der „Pieter van Aemstel“ vervollständigten wir unseren Bierkonsum, ergänzt mit einigen Schnitzelvarianten und genossen den Sonnenuntergang über der Theodor-Heuss-Brücke. Wohl etwas zu lange, denn die Rückfahrt fand nicht wie geplant bis zur Abenddämmerung statt, nein jetzt war es richtig dunkel. Egal, die meisten Beleuchtungsanlagen funktionierten, manche auch nur zeitweise.
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Unser FKC-Gruppe löste sich mit wechselnden Rückfahrtrouten langsam auf und die „Rüsselsheimer“ nutzten zusammen mit einigen „Riedlern“ noch eine SPD-Feier in Kostheim zu einem „Absacker“. Jetzt war es stockdunkel und für mich war es „ein Bier zuviel“. Was für eine Rückfahrt – ab Gustavsburg waren wir „Rüsselsheimer“ nur noch zu viert. Doch entlang des Maindamms schafften wir es schließlich wohlbehalten nach Hause – nach mehr als 50 Kilometer glücklich und zufrieden. Fast so, als hätte man eine alte Liebe wieder entdeckt.