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Rohrberg sorgt für österreichische Glücksgefühle

Europameisterschaften im Hallenbogenschießen in Turin (Italien) vom 4. bis 8. März 2008

Ausschnitte aus meinem Bericht für die Deutsche Schützenzeitung

 

Vor zwei Jahren stand das „Oval Lingotto“ im Blickpunkt der Olympischen Winterspiele in Turin und über 8.000 Zuschauer füllten bei den Entscheidungen im Eisschnelllauf die Halle im Südosten von Turin zwischen Bahnhof und Messegelände. Zwei Jahre später war das „Oval Lingotto“ Austragungsort der elften Europameisterschaften im Hallenbogenschießen, die nur von wenigen Turinern wahrgenommen wurde. Das auf den Zuschauertribünen bei den Finals hauptsächlich nur Aktive der 34 teilnehmenden Nationen saßen, tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Die frühen Siege der italienischen Bogenschützen entfachten wahre Jubelfeiern, angefeuert von einem begeisterten Moderator und den zahlreichen hübschen Hostessen, die vom 4. bis 8. März 2008 in der Halle allgegenwärtig waren.

Gefeiert wurde im Verlauf der Titelkämpfe hauptsächlich im italienischen Lager. Während unter den 281 Teilnehmern bei vielen Nationen die Spitzenschützen sich im olympischen Jahr auf die Fita-Wettbewerbe im Freien konzentrieren und auf die Teilnahme in Turin verzichteten, brachten die Gastgeber mit Ausnahme von Michele Franchilli fast ausnahmslos ihre Spitzenschützen ins Oval Lingotto und dominierten damit die Wettbewerbe mit dem Gewinn von 13 Medaillen, davon sechsmal in Gold. Nur die Teams aus Russland (dreimal Gold) und der Ukraine (zweimal Gold) konnten mit den Gastgebern mithalten. Auf dem neunten Rang der Nationenwertung mit dem Gewinn einer Silbermedaille durch das Männerteam mit dem Recurvebogen landete die Deutsche Nationalmannschaft. „Wir haben schon im Januar mit der Vorbereitung auf die Weltcups auf 70 Meter im Freien begonnen“, so Bundestrainer Martin Frederick, „unser Fokus liegt auf der Europameisterschaft in Frankreich.“ Dennoch forderte Frederick vom zwölfköpfigen DSB-Team Bestleistungen, denn „die Gegner in der Halle werden wir bald im Freien wieder sehen.“

Höhepunkt für das deutsche Team war der Gewinn des Vizemeistertitels durch Jan-Christopher Ginzel, Florian Floto und Sebastian Rohrberg mit dem Recurvebogen in der Mannschaftswertung. Damit setzte das neuformierte Trio mit der sechsten Medaille, die seit zwanzig Jahren anhaltenden Mannschaftserfolge in der Halle fort  Dabei hat es zunächst nicht nach dem Sprung auf das Siegerpodest für die drei Deutschen ausgesehen. Nach dem Vorkampf rangierte das DSB-Trio auf dem siebten Rang, den das Team auch bei den Europameisterschaften 2006 im spanischen Jaén belegt hatte. Mit 568 von 600 möglichen Ringen hatte im Vorkampf Jan Christopher Ginzel nicht die erwartete Leistung gebracht. „In Nimes hat er noch glänzend geschossen, doch hier hatte er durch seine Schießbrille Probleme mit den Lichtverhältnissen“, wusste Bundestrainer Frederick, „doch er kann sich durchbeißen.“ Vom siebten Vorkampfrang aus trafen die drei Deutschen zunächst auf die Mannschaft aus Weißrussland und gewannen mit 227:221 Ringen. „Das war noch dünn, uns haben einige Ringe gefehlt“, zog Sebastian Rohrberg das Fazit über den Sieg in der ersten Finalrunde. „Danach haben wir umgestellt.“ Die drei Deutschen sind in ihren Bundesligateams jeweils die Schlußschützen, „doch wir können auf allen Positionen schießen.“ So wechselte Florian Floto auf die zweite Position und Sebastian Rohrberg rückte auf die wichtige Schlußposition. Stets die ersten Pfeile absolvierte Jan-Christopher Ginzel und in dieser Aufstellung ging das Trio in die fast aussichtslose Aufgabe im Viertelfinale gegen die in den Jahren 2004 und 2006 bei Europameisterschaften siegreichen Ukrainer. „Das ist eine harte Nuss zu knacken“, meinte Sebastian Rohrberg. In der neuen Aufstellung gingen die Deutschen gegen die Vorkampfzweiten aus der Ukraine sofort in Führung und hatten nach der Hälfte der 24 Pfeile auf 18 Meter Entfernung drei Ringe Vorsprung erarbeitet. Eine optimale 60er Schlußserie zermürbte schließlich die Ukrainer und die Deutschen zogen mit 234:229 Ringen ins Halbfinale ein. „Die Bundesliga schult das Mannschaftsschießen und das Team hat eine gute Flexibilität gezeigt“, lobte Bundestrainer Martin Frederick den starken Auftritt seiner Mannschaft. „Die Drei haben in der Bundesliga das gelernt, was international abverlangt wird.“ Als nächster Gegner wartete im Halbfinale die Türkei und das Match begann auf hohem Leistungsniveau. Nach dem 59:59 Auftakt zeigten die Türken erste Schwächen und das deutsche Team zog nach zwölf Pfeilen auf 117:113 Ringe davon. Am Ende hatten  die drei Deutschen wieder glänzende 234 von 240 möglichen Ringen erzielt und damit den Türken (226) keine Siegchance gelassen. Nur die Franzosen hatten ähnlich hohe Ringergebnisse in der Finalrunde gezeigt und die Bronzemedaillengewinner von 2006 standen im Goldfinale der deutschen Mannschaft gegenüber. Hatte das deutsche Trio in den voran gegangenen Begegnungen sofort die Führung übernommen, ließen sich die Franzosen im Finale nicht beeindrucken. Gute 58 deutsche Ringe mit den ersten sechs Pfeile konterte Frankreich mit optimalen 60 Ringen. Als die Franzosen auf 116:113 erhöhten, wollte es Jan-Christopher Ginzel ganz genau machen. Er setzte einen Schuss ab und das war der Ausgangspunkt dafür, dass Sebastian Rohrberg als Schlußschütze für seinen letzten Pfeil nur noch wenige Sekunden Zeit hatte. Rohrberg´s letzter Pfeil landete in der Sechs und damit war die Vorentscheidung gefallen. Frankreich führte mit 146:141 Ringen und verhinderte anschließend alle Aufholversuche des deutschen Teams. Mit 226:231 Ringen musste sich die deutsche Mannschaft geschlagen geben und mit dem Vize-Europameistertitel zufrieden geben.

„Das frühe Aus im Einzel habe ich gut verkraftet“, wirkte Sebastian Rohrberg nach dem guten Abschneiden im Mannschaftswettbewerb zufrieden. Der amtierende Weltmeister war völlig überraschend in der ersten Runde des Finals der Einzelkonkurrenz an dem Österreicher Heribert Dornhofer gescheitert. „Für mich ist das ein Traumergebnis“, jubelte der 14-fache österreichische Meister über seinen sechsten Einzelrang, der mit dem Sieg über Sebastian Rohrberg begann. Der 28-jährige Deutsche hatte als Vorkampffünfter gegen den 35-jährigen Dornhofer die klare Favoritenrolle. Der Österreicher hatte als 28. knapp den Sprung in die Finalrunde geschafft und legte gegen Rohrberg seine Nervosität ab. Nach zwölf Pfeilen stand es 115:115 und im Shoot-Off entschied der dritte Pfeil um einen Millimeter für den Österreicher. „Wer nur 115 Ringe schießt, hat es nicht verdient weiter zu kommen“, resümierte Rohrberg seine Leistung selbstkritisch. Nach dem Aus von Rohrberg und dem Scheitern von Jan-Christopher Ginzel als 36. der Vorrunde ruhten im Finale die deutschen Hoffnungen nur noch auf Florian Floto. Der 19-jährige Braunschweiger hatte sich als 24. für die Finalrunde qualifiziert und überraschte zum Auftakt den Vorkampfneunten Raul Riera Mari. Floto besiegte den Spanier mit 117:116 Ringen und behauptete sich danach gegen den Türken Kucukkayalar mit 115:114 Ringen. Gegen den späteren Bronzemedaillengewinner Ukrainer Drutsul scheiterte er im Viertelfinale mit 115:119 Ringen, doch mit Rang sechs im Endklassemenent hatte er seine beste Einzelleistung bei den Männern erreicht. Für frenetischen Jubel auf den Tribünen sorgte schließlich Marco Galiazzo. Der italienische Olympiasieger von 2004 erfüllte die Erwartungen seiner Landsleute und holte sich nach Rang drei im Vorjahr mit 119:118 Ringen gegen den Russen Badenov seinen ersten Europameistertitel in der Halle.

Vor zwei Jahren im spanischen Jaén waren es die Frauen, die die einzige deutsche Medaille holten und es schien so, als ob Susanne Possner, Christina Schäfer und Elena Richter die zwanzigjährige Erfolgsstatistik ausbauen könnten. Vom siebten Vorkampfrang aus glückte zunächst ein überzeugender 229:220 Erfolg über die Schweiz und Bundestrainer Frederick forderte: „230 Ringe wollen wir erreichen.“ Im nächsten Match warteten die Italienerinnen, die mit der im Vorkampf überragenden Natalia Valeeva den zweiten Platz in der Teamwertung belegt hatten. Das deutsche Trio ging in der Aufstellung Susanne Possner, Christina Schäfer und Elena Richter an die Schießlinie. „Diese Formation hat auf Anhieb gut geklappt“, war Bundestrainer Martin Frederick zuversichtlich und seine Schützlinge gaben ihm mit einer 59er Auftaktserie recht. Doch die Italienerinnen ließen nicht locker und zogen immer wieder mit den Deutschen gleich. „Man konnte nicht erkennen, wer gewonnen hat“, so Frederick, als die letzten sechs der 24 Pfeile an der Scheibe ausgewertet wurden. Schließlich Jubel im deutschen Lager: 230:229 ! „Die Italienerinnen in dieser gigantischen Halle zu schlagen, dazu gehört schon etwas“, strahlte Martin Frederick. Doch die Hoffnungen des Bundestrainers „jede Medaille zählt“, zerstörten im Halbfinale die Russinnen. Das deutsche Trio lag schnell mit 54.57 Ringen zurück und hatte im Verlauf des Wettkampfes bis zum 222:227 Schlußresultat keine Siegchance. Im kleinen Finale um die Bronzemedaille schien das deutsche Team gegen die Britinnen nach zwölf Pfeilen mit 113:116 Ringen schon geschlagen, doch nach einer beherzten Aufholjagd fehlte ein Ring um den dritten Rang des Jahres 2006 zu wiederholen. Im Goldfinale der Favoriten wiederholten die Russinnen ihren Erfolg aus dem Jahr 2004 mit 232:229 Ringen gegen die Ukraine. Die Ukraine hatte im Einzel einen Doppelsieg durch Tetyana Dorokhova und Yulia Lobzhenidze, mussten sich aber in der Teamwertung wie vor zwei Jahren mit dem Vizemeistertitel zufrieden geben.

Die Überraschung der Einzelkonkurrenz war das Aus im Viertelfinale von Natalia Valeeva, die sich im Shoot-Off nach 119:119 Remis gegen Yulia Lobzhenidze geschlagen geben musste. Die Italienerin verpasste damit ihre Chance auf den dritten Europameistertitel seit 1996. Von den drei Deutschen hatte im Vorkampf Elena Richter die beste Leistung gezeigt. „Sie hat mit 288 von 300 möglichen Ringen ganz stark begonnen“, war Bundestrainer Frederick mit dem Auftakt der 18-jährigen Berlinerin zufrieden. „Doch zum Schluss hat sie nachgelassen. Es hätte für sie mehr rauskommen müssen.“ Mit 571 Ringen traf Elena Richter als 13. des Vorkampfes auf die Schweizerin Natahlie Dielen und scheiterte mit 114:116 Ringen. „Sie hat in der Halle schon aufhorchen lassen, doch sie muss sich bei den Frauen noch bewähren“, zog Frederick sein Fazit über das Abschneiden von Elena Richter. Nicht besser erging es Susanne Possner und Christina Schäfer. Die 20-jährige Possner verlor gegen die Russin Erdynieva in der ersten Finalrunde mit 107:113 Ringen und musste sich mit Rang 27 zufrieden geben. Vor drei Jahren hatte Christina Schäfer als Dritte der Weltmeisterschaften im dänischen Aalborg für eine Überraschung gesorgt, doch die 25-jährige aus Düren scheiterte in Turin schon in der ersten Finalerunde an der Italienerin Tonetta mit 107:111 Ringen.

Keine Medaillenchance hatten die sechs deutschen Junioren mit dem Recurvebogen. „Das Angebot an Junioren ist zur Zeit bescheiden“, so Viktor Bachmann in seinem Fazit über das Abschneiden der von ihm betreuten Schützlinge, „Die Breite ist in Ordnung, doch die Spitze lässt zu wünschen übrig.“ Zur ersten Enttäuschung kam es  im Vorkampf durch Simon Nesemann. Der 17-jährige aus Boxdorf, im Vorjahr bei den Weltmeisterschaften in Izmir überraschend auf Rang sieben, schoss drei Pfeile auf die Nachbarscheibe. „Ich hatte den Tunnelblick“, begründete er seinen Fehler. Viktor Bachmann hatte den Patzer seines Schützlings nicht bemerkt. „Ich habe mich gerade um Rafael Poppenburg gekümmert, der Probleme hatte.“ Nesemann schmerzten nach glänzenden 290 Ringen in der ersten Runde, mit denen er zeitweise auf Rang fünf rangierte, in der zweiten Runde die fehlenden 29 Ringe auf der Nachbarscheibe. „Er hatte das Niveau der Spitze, doch am Ende kämpfte er vergeblich um den Einzug ins Finale.“ Bachmann sah seinen jungen Schützling als 33. des Vorkampfes die Finalrunde um einen Ring verfehlen. Rafael Poppenborg und Kevin Pauels überstanden auf den Rängen 21 und 23 die Vorrunde, doch im Achtelfinale war der deutsche Juniorenauftritt beendet. Kevin Pauels hatte mit 110:113 Ringen gegen den Belgier Hensmanns verloren: „Für ihn ist es das erste Jahr im Kader und der erste internationale Wettkampf“, erklärte Viktor Bachmann die Leistung des 16-jährigen, „er ist noch jung und muss noch seine Technik verbessern.“ Rafael Poppenborg zeigte in der ersten Finalrunde gegen den Briten Spouge bei seinem 117:112 Sieg eine starke Leistung und führte im anschließenden Match gegen Italiener Mandia bis zu den letzten Pfeilen. Der 17-jährige Poppenborg schoss die letzten Pfeile in die Neun, während der Italiener mit drei Zehnern sich noch den Sieg mit 116:114 Ringen den Sieg sicherte und am Ende den Vizemeistertitel gewann. Rafael Poppenborg bei Sherwood Herne und Simon Nesemann bei GS Boxdorf zeigten im Mannschaftswettbewerb zusammen mit Kevin Pauels, was sie in der Bundesligasaison gelernt haben. Mit einem glänzenden 232:221 Sieg starteten die deutschen Junioren vom siebten Vorkampfrang aus in die Finalrunde gegen die Tschechen. Anschließend kam das Aus mit 227:232 Ringen gegen die Ukraine, doch Viktor Bachmann war mit dem Auftritt seiner Schützlinge zufrieden: „Sie sind hier nicht eingebrochen und man kann ihnen keinen Vorwurf machen. Die Ergebnisse lagen zwanzig Ringe über denen bei der Ausscheidung.“

 

Die deutschen Mädchen scheiterten im Viertelfinale gegen die Italienerinnen. „Sie haben ihr Leistungsvermögen bestätigt, doch sind nicht über sich hinaus gewachsen“, kommentierte Viktor Bachmann die 220:227 Niederlage von Nicole Duscha, Ann Kathrin Knupfer und Sarah Schwadtke. Im Einzelwettbewerb drang Ann-Kathrin vom zehnten Vorkampfrang aus bis ins Viertelfinale vor und verpasste ihre Siegchance gegen die spätere Vizemeisterin Nina Mylchenko aus der Ukraine. „Sie hat das gesamte Match geführt und dann mit zwei Achter abgeschlossen“, kommentierte Bachmann das 112:114 Aus der 18-jährigen Leistungsträgerin von Bundesligaaufsteiger Reutlingen. In einem deutschen Achtelfinale hatte sie zuvor Niicole Duscha mit 114:111 Ringen bezwungen, nachdem sie in der ersten Finalrunde die Polin Barakonska (112:111) besiegt hatte.

Wieder ohne deutsche Beteiligung fielen die Entscheidungen mit dem Compoundbogen, bei denen die Italiener die heimischen Fans zu Jubelstürmen hinrissen. Die Männer siegten im Einzel durch den gegen den Holländer Peter Elzinga optimal schießenden Sergio Pagni. Der Italiener gewann das Finale mit 120:118 Ringen gegen den Europameister von 2004. Italienischer Jubel herrschte auch nach dem Damenfinale, das Laura Longo gegen die Russin Sofia Goncharova mit 117:112 Ringen klar gewann.

 

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