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Der unglaubliche Rekord von Werner Pahl

Deutsche Meisterschaften der Vorderladerschützen in Pforzheim

Ausschnitte aus meinem Bericht für die Deutsche Schützenzeitung

 

Zwei Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaften im australischen Adelaide wurden die Deutschen Meisterschaften der Vorderladerschützen im badischen Landesleistungszentrum in Pforzheim ausgetragen. Unter den insgesamt 1274 Startern waren die dreitägigen Titelkämpfe für das 23-köpfige Nationalteam vom 25. bis 27. Juli der letzte ernsthafte Leistungstest vor den Welttitelkämpfen. Im Verlauf der 28 Entscheidungen setzten allerdings Schützen die Glanzpunkte, die die deutschen Farben in Australien nicht vertreten werden.

 

Eine neue Deutsche Rekordleistung gelang Werner Pahl mit der Steinschloßflinte beim Wurfscheibenschießen. Der zweifache Weltmeister hatte die Qualifikation für die Teilnahme an den WM-Titelkämpfen in Adelaide knapp verpasst, zeigte sich aber bei den nationalen Meisterschaften voll motiviert. Der Kampf um seinen sechsten Deutschen Meistertitel seit 1993 verlangte aber dem 58-jährigen Emsländer alles ab. Erst Minuten nach dem letzten Schuss realisierte er seine Rekordleistung. „Ich habe schon schöner geschossen und wollte meinen Rekord nicht kaputt machen“, war die erste Reaktion, als er kurz vor Schluß der zweiten 25er Runde einen Fehlschuss hatte. Doch zwei Runden mit insgesamt 48 Treffern bedeuteten eine neue Deutsche Bestmarke, die Pahl erst nicht glauben wollte. Sechs Jahre zuvor hatte Franz Lotspeich mit 47 Treffern die erste Bestmarke gesetzt, die Werner Pahl vier Jahre später egalisierte. Schweißgebadet von den hohen Temperaturen während des Wettkampfes zog Pahl sein erstes Fazit: „Meine Reaktion und Konzentration hat nachgelassen. So eine Leistung wie heute hängt von der Tagesform ab. Es war ein ständiger Kampf mit mir selbst, den kann man nicht immer gewinnen. Eigentlich hat man in diesem Alter international keine Chance mehr“ Nach dem Tod seiner Ehefrau Helga hatte Werner Pahl sich vom internationalen Wettkampfgeschehen verabschiedet, doch mit seiner neuen Lebensgefährtin Angelika ist die Lust am Wurfscheibenschießen wieder zurückgekehrt. „Wir passen gut zueinander. Spanien ist ein schönes Land und für die Teilnahme an den Europameisterschaften im nächsten Jahr werde ich mir Mühe geben.“

Neben dem Sieg in der Einzelwertung hatte Werner Pahl den größten Anteil daran, das er zusammen mit Günter Hörmeyer und Roland Robben zum dritten Mal in Folge den Mannschaftstitel für den SSC Emsland Nord gewann. Keine Chance gegen den fast fehlerlosen Pahl hatten mit der Steinschloßflinte Franz Lotspeich und Hans-Joachim Zander. Nach seinen Seriensiegen zwischen 2000 und 2003 muss Franz Lotspeich weiter auf seinen fünften Deutschen Meistertitel in dieser Disziplin warten. Vorjahresmeister Hans-Joachim Zander hatte seine Titelchancen durch vier Fehler bei den ersten Dutzend Schüssen früh vergeben, kämpfte sich aber durch eine gute Schlussrunde noch auf den dritten Platz zurück.

Franz Lotspeich konnte sich im Mannschaftswettbewerb mit der Perkussionsflinte freuen. Für die gastgebende SG Pforzheim holte er zusammen mit Frank Waidner und Roland Dupont den Mannschaftstitel zum dritten Mal in Folge. Lotspeich, der dienstälteste Nationalschütze im Vorderladerteam, wartet seit 1995 auf einen erneuten Sieg bei den Deutschen Meisterschaften mit der Perkussionsflinte. In diesem Jahr lag der 46-jährige mehrfache Welt- und Europameister nach der ersten  Runde mit 23 von 25 möglichen Treffern in aussichtsreicher Position, doch dann setzte sich mit Fritz Ludwig ein Schütze durch, der alle Favoriten in den Schatten stellt. Der Württemberger aus Sulzdorf-Hessental wiederholte seiner 23er Serie aus der ersten Runde und gewann mit 46 Treffern seinen ersten Deutschen Meistertitel. Mit einem neuformierten Team trat der Wurftauben Club Wiesbaden an und holte auf Anhieb zwei Medaillen. Hansjörg Obenauer setzte sich im Kampf um den Vizemeistertitel im Shoot-Off mit 14:13 gegen Franz Lotspeich durch und überraschte zusammen mit Horst Feser und Hans Männchen auf Rang drei in der Mannschaftswertung.

 

Die Titelkämpfe der Gewehrschützen begannen mit der Fortsetzung einer eindrucksvollen Siegesserie. Robinson Nitsche aus Bremen gewann den Wettbewerb mit dem Perkussions-Dienstgewehr zum fünften Mal in Folge und feierte seinen zehnten Titelgewinn seit 1990. Mit seinem erneuten Sieg hat der großgewachsene Bremer seine eigenen Erwartungen erfüllt: „Wenn es keine 140 Ringe werden, dann stimmt etwas nicht“, erklärte er seinen sicheren Sieg mit vier Ringen Vorsprung. Mit 142 Ringen übertraf er als einziger Akteur die selbst gesetzte Ringmarke und führte den Erfolg auf sein zuverlässiges Original-Vorderladergewehr „Zonave“ zurück, das er seit 1995 schießt. „Das ist ein amerikanisches Militärgewehr aus dem Jahr 1861 und dieses Ding schießt super präzise.“ Der mehrfache Weltmeister hatte nach zwölf Jahren 1999 sich aus dem Nationalteam verabschiedet. „Ich schieße lieber das 15 Schuss Programm, wenn das international kommt mache ich vielleicht wieder mit. Beim 13 Schuss-Programm ist mir zuviel Glück dabei.“

 

Seit 1991 gewann Manfred Kröschel fünf Deutsche Meistertitel für die SG Wittlich. In diesem Jahr bildete der erfahrene Rheinländer zusammen mit Edwin Heinen und Rüdiger Jakoby eine neue Mannschaft. Für die BSV Osann-Monzel gelang mit 410 Ringen im Mannschaftswettbewerb in der Disziplin „Dienstgewehr“ auf Anhieb ein neuer Deutscher Rekord.

 

Am ersten Wettkampftag in Pforzheim kam es zu einer Wachablösung im Wettbewerb mit der Muskete. Nach seinem Titelhattrick zwischen 2005 und 2007 haderte Josef Mayr in diesem Jahr mit Zündungsproblemen. „Ich weiß nicht, wo die Sechs hergekommen ist.“ Mit 132 Ringen landete der Titelverteidiger auf dem vierten Platz, fand aber in seinem Schlierseer „Spezi“ Peter Käpernick einen würdigen Nachfolger. Der 43-jährige sprang für den „Mayr Sepp“ ein und wiederholte seinen Sieg aus dem Jahr 2004.

Einen Tag später erlebten die Schlierseer eine schwere Niederlage im Wettbewerb mit dem Perkussionsgewehr, den sie seit 1990 insgesamt zehnmal gewonnen hatten. „Da waren wir geschlossen schlecht“, kommentierte Josef Mayr den 13. Mannschaftsrang zusammen mit seiner Lebensgefährtin Rita Pamer und Peter Käpernick. Käpernick gewann dem Verlust des Titels auch etwas Positives ab: „So eine Niederlage ist auch einmal hilfreich. Man sieht, das das Siegen nicht automatisch geht.“ Trotz der Schlierseer Schwäche blieb der Mannschaftstitel in den Reihen der Bayern. Die Oberfranken Annett Dedinski, Michael Ruschey und Bernd Schneider überraschten für die SG Marktzeuln und ließen die höher eingeschätzte Konkurrenz hinter sich. In der Einzelwertung fehlten Bernd Schneider nur zwölf Millimeter zum Sieg. Mit 148 von 150 möglichen Ringen hatte der Bayer die gleiche Ringzahl wie Michael Sturm aus Schwäbisch Hall erreicht. In der Endauswertung des schlechtesten Wertungsschusses hatte Sturm das bessere Ende mit 32 gegenüber 44 Millimeter Abstand zur Scheibenmitte für sich. Damit wiederholte er seinen Sieg aus dem Jahr 2005 und konnte erstmals zusammen mit seinem Vater Dieter Sturm einen Deutschen Meistertitel feiern. Der ehemalige Weltmeister gewann erstmals in der Seniorenklasse, nachdem er zuletzt in den Jahren 1997 und 1998 mit dem Perkussionsgewehr auf nationaler Ebene gesiegt hatte.

 

In der Altersklasse siegte der Würzburger Wolfgang Virsik mit 148 Ringen und holte einen Tag später im Wettbewerb mit dem Steinschloßgewehr auf 100 Meter Entfernung im Liegendanschlag seinen zweiten Meistertitel an diesem Wochenende. Mit der Einstellung des im Vorjahr von Peter Käpernick aufgestellten Deutschen Rekordes von 140 Ringen gewann Virsik knapp vor den favorisierten Nationalschützen Wolfgang Wehle und Thomas Baumhakl und wurde damit zum erfolgreichsten Einzelschützen im Gewehrbereich.

Die Schlierseer Niederlagenserie machte auch vor den Frauen nicht halt. Titelverteidigerin Rita Pamer verpasste den Hattrick mit dem Perkussionsgewehr in der Damenklasse und musste sich mit Rang fünf begnügen. Dafür holte sich Tordis-Arlett Nitsch, nach der verpassten WM-Qualifikation, ihren vierten Deutschen Meistertitel bei den Frauen.

 

„Das war eine gelungene Generalprobe“,  freute sich Wolfgang Wehle über jeweils zwei Gold- und Silbermedaillen. Der Liegendspezialist aus Nordstetten holte sich nach 2004 zum zweiten Mal den Einzeltitel mit dem Perkussions-Freigewehr und hatte den größten Anteil an der Einstellung des Deutschen Rekordes im Mannschaftswettbewerb zusammen mit Alfred Bailer und Andreas Götz.

 

Nach drei internationalen Meisterschaften zwischen 2002 und 2007 hatte Alfred Bailer in diesem Jahr auf die Teilnahme an der WM-Qualifikation verzichtet. Das er zu den besten deutschen Vorderladerschützen zählt, bewies der 43-jährige Linksschütze mit einem eindrucksvollen Sieg im Stehendwettbewerb mit dem Steinschloßgewehr. Zwölf Zehner fast optimal in der Scheibenmitte, aber auch drei Achter weit davon entfernt zogen die Blicke der Zuschauer an und am Ende hatte Bailer damit den Deutschen Meistertitel gewonnen. „Darauf habe ich immer gehofft.“ Der Erfolg freute Alfred Bailer besonders, weil er einen Tag zuvor als 28. mit dem Perkussionsgewehr „den Wettkampf völlig versemmelt hat.“ Den Sieg holte er sich mit einem selbstgebauten Steinschloßgewehr „Hawken“, das er im Jahr 2000 erworben hatte. „Das war damals das einzige seiner Art durch seine Linksschäftung.“

Lange Zeit hatte die letzte Gewehrentscheidung in Pforzheim der Mosbacher Jochen Zachow angeführt. Der Badener beendete den Wettkampf mit 144 Ringen, doch der ringgleiche Bailer war in der Endauswertung durch die höhere Anzahl von Zehner mit 12:10 vorn. Zu den geschlagenen Favoriten gehörten die Sieger der vergangenen Jahre. Der Ginsheimer Walter Massing verpatzte die WM-Generalprobe und landete nach einer Sechs mit dem vorletzten Schuss nur auf dem 34. Rang. Seit 2004 hatte Erwin Gloßner dreimal den Deutschen Meistertitel mit dem Steinschloßgewehr, doch den Hattrick hat er vor seiner ersten WM-Teilnahme „verzockt“. Trotz mäßiger 140 Ringe und dem 13. Rang im Endklassement wirkte der Bayer aus Thalmässing zufrieden. „Ich habe hier den internationalen Wettkampfstress getestet und bin ohne Schießhose angetreten.“ Glossner wollte seine vor zwei Monaten begonnene Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften in Australien nicht unterbrechen. „Wenn du die richtig konzentrierst, ist fast kein Unterschied festzustellen“, erklärte er das Fehlen der gewohnten Schießhosen, die im internationalen Bereich nicht zugelassen sind.

 

Im Kurzwaffenbereich waren es die Aktiven der SG Ludwigshafen, die das Geschehen auf der 25-Meter Standanlage bestimmten. Die Pfälzer gewannen zwei Einzeltitel durch Karl Hammann und waren zweimal in der Mannschaftswertung vorn. Karl Hammann, Jürgen Dosch und Manfred Weber wurden ihrer Favoritenrolle beim Auftaktwettbewerb mit dem Perkussionsrevolver gerecht und verfehlten bei ihrem fünften Sieg ihren im Jahr 2000 aufgestellten Deutschen Rekord nur um drei Ringe. Karl Hammann verteidigte seinen Vorjahrestitel in der Altersklasse und zum Abschluss der Titelkämpfe gewann der 48-jährige Schmied aus Neustadt an der Weinstraße seinen vierten Meistertitel seit 1999 mit der Steinschloßpistole. Den dritten Sieg des Pfälzers verhindert Holger Becker aus Ettingshausen. Der Nordhesse überraschte die Konkurrenz in der Herren-Altersklasse mit 147 von 150 möglichen Ringen und verbesserte die 13 Jahre alte Bestmarke mit der Perkussionspistole um zwei Ringe.

In der Mannschaftswertung mit der Perkussionspistole gab es wieder eine Feier in den  Reihen der Aktiven aus Ludwigshafen. Das Erfolgstrio Hammann, Dosch und Weber gewann zum siebten Mal seit 2000 den Titel in der Teamkonkurrenz.

Seinen Einzeltitel aus dem Jahr 2006 holte sich Harald Köpke mit der Perkussionspistole zurück. Der Bundesligaschütze der SG Ludwigsburg verwies mit 144 Ringen Vorjahresmeister Joachim Boll auf den zweiten Platz. Nach den Niederlagen im Gewehrbereich schaffte es Rita Pamer mit dem Perkussionspistole einen Titel für die FSG Schliersee zu gewinnen. Mit 138 Ringen nutzte sie ihre Siegchance in der Damenkonkurrenz, nachdem die in den Vorjahren siegreichen Gabriele Haas aus Ludwigshafen und die Coburgerin Kerstin Schmidt nicht über die Ränge drei und fünf hinaus kamen.

 

Stürmischen Beifall bei der Siegerehrung erhielt Alfons Messerschmidt, der für den SV Rielingshausen mit der Perkussionspistole in der Seniorenklasse siegte. Der ehemalige Olympiateilnehmer und Trainer des Bundesligisten SG Ludwigsburg hatte mit 146 von 150 möglichen Ringen einen neuen Deutschen Rekord aufgestellt, der wenig später durch Holger Becker um einen Ring überboten wurde. Für den Seniorenbereich steigerte Messerschmidt die Rekordmarke um einen Ring und feierte damit seinen sechsten Titelgewinn seit 1990 in dieser Vorderladerdisziplin.

 

Mit der Einstellung des Deutschen Rekords mit der Steinschloßpistole verhinderten die Aschaffenburger Michael Gizzi, Andreas Jäger und Klaus Melber in der Mannschaftswertung den Dreifacherfolg für die SG Ludwigshafen. Die Pfälzer belegten mit zwei ringgleichen Teams und jeweils sechs Ringen Rückstand die Plätze zwei und drei und verpassten damit knapp den Titelhattrick.

 

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