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Harry Wittig und die Mittenwalder Legende

Deutsche Meisterschaften der Feldbogenschützen in Mittenwald

Ausschnitte aus meinem Bericht für die Deutsche Schützenzeitung

 

Drei Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaften in Wales wurden in Mittenwald am 9. und 10. August 2008 die Deutschen Meisterschaften der Feldbogenschützen ausgetragen. Der neu angelegte Parcour zwischen 1100 und 1200 Meter Höhe auf einem Übungsplatz der Bundeswehr am Hohen Brendten stellte an die 240 Teilnehmer an den zwei Wettkampftagen mit insgesamt 144 Pfeilen auf Scheiben in bekannten und unbekannten Entfernungen hohe Anforderungen. „Wir nutzen unsere Berge aus, es geht ordentlich rauf und runter und das herrliche Panorama kommt voll zur Geltung“, erklärte Torsten Sauter vom BSC Mittenwald, dem es als Vorsitzenden des Ausrichters besonders die Zuschauer wichtig waren, „Wir wollen unseren legendären Ruf gerecht werden und es wichtig, dass die Zuschauer den abwechslungsreichen Sport hautnah erleben können.“ Torsten Sauter und sein Team hatten für Zuschauer einen Shuttlebus-Service von Mittenwald aus organisiert und so kamen viele Einheimische und Gäste aus dem Werdenfelser Land hinauf zu den Titelkämpfen. „Die Mittenwalder haben damit Akzente gesetzt, das ist eine traumhafte Meisterschaft“, lobte Feldbogentrainer Karl-Heinz Bode die Veranstalter, „Das ist Werbung für unseren Sport schlechthin.“ Die interessantesten Scheiben wurden über Schautafeln beschrieben und zwei Drittel der 48 Scheiben konnten durch Zuschauer problemlos eingesehen werden. „Es war eine phantastische Idee von Torsten Sauter, dass die Teilnehmer nach acht Scheiben immer wieder zum zentralen Punkt der Titelkämpfe zurück kamen“, schwärmte Bode weiter, „Sauter ist ein Phänomen, so ein Kurs hat es bisher noch nicht gegeben. Diese Meisterschaft hat alle bisherigen Welt- und Europameisterschaften übertroffen.“ Karl-Heinz Bode kann sich vorstellen, dass die Weltmeisterschaften im Jahr 2012 in Mittenwald ausgetragen werden. „Dazu braucht es die Zustimmung der Bundeswehr und außerdem ist hier ein Leistungszentrum der Biathleten.“

 Nach 1982 und 1986 wurden die Deutschen Meisterschaften im Feldbogenschießen zum dritten Mal in Mittenwald ausgetragen und unter dem Motto „Steil ist geil, die Legende ist zurück“ boten die Aktiven spannende Titelkämpfe, die ihren Höhepunkt an der letzten Scheibe vor hunderten Zuschauern in der Recurvebogen-Schützenklasse fand. Harry Wittig hatte vor mehr als zwanzig Jahren in Mittenwald die beiden Deutschen Meisterschaften gewonnen. Danach siegte der heute 47-jährige Münchner zuletzt im Jahr 1994, bevor er zum dritten Mal den Mittenwalder Parcour als gefeierter Sieger verließ. Vorausgegangen war ein toller Zweikampf mit Andreas Heuwing vom Rheydter TV, der am Ende mit einem Ring Unterschied zugunsten von Harry Wittig endete.

In Abwesenheit von Sebastian Rohrberg, der seit 1999 die Recurvebogen-Schützenklasse dominierte, sah es zunächst nach einem sicheren Erfolg von Andreas Heuwing aus. Der 38-jährige führte nach 72 Pfeilen auf Scheiben in bekannten Entfernungen mit neun Ringen vor dem Bietigheimer Sven Giesa und komfortable 15 Ringe vor Harry Wittig. „Der Parcour ist hart ungd gut, hier muss man bei jeder Scheibe einhundert Prozent geben.“ Im Gefühl des sicheren Vorsprung leistete sich Heuwing zu Beginn des zweiten Tages auf dem Parcour mit Scheiben in unbekannten Entfernungen einen folgenschweren Patzer. „Er hat sich in der Auflagengröße vertan“, erklärte Harry Wittig den Fehler, als Heuwing einen Pfeil am Ziel vorbei schoss. „Das war ein Aussetzer und ich bin unsicher geworden“, so Heuwing, dessen Vorsprung schnell schmolz und neun Scheiben vor dem Ende führte er nur noch mit zwei Ringen vor Wittig und Sven Giesa. Aus dem Dreikampf wurde ein Duell zwischen Heuwing und Wittig, nachdem Giesa nicht mehr mithalten konnte. Vor der letzten Scheibe hatte der Münchner die Führung mit drei Ringen Vorsprung übernommen, doch der Rheydter gab sich nicht geschlagen. Zwei Ringe holte Andreas Heuwing mit drei Pfeilen auf, doch Harry Wittig rettete einen Ring Vorsprung ins Ziel. „Ich habe sicher ein Tick mehr Erfahrung, doch ein Ring ist einfach Glück“, so Harry Wittig und lobte danach seinen Gegner: „Er ist in diesem Jahr der beste Mann, denn er schießt sehr souverän. Von meinem Sieg bin ich sehr überrascht.“ Das Fehlen des haushohen Favoriten Sebastian Rohrberg, der aufgrund der geplanten Olympiateilnahme vom niedersächsischen Verband nicht für die Deutschen Meisterschaften gemeldet wurde, änderte nichts an Wittig´s Einschätzung: „Wer nicht da ist, schießt auch nicht.“ Andreas Heuwing, der neben Rohrberg in Wales seine erste Weltmeisterschaft bestreiten wird, sieht den Dauelser dennoch „als den Überflieger im Feldbogensport“, doch das Kopf an Kopf-Rennen mit Wittig war für ihn „ein gutes Training für die WM“.

Für den viel gelobten Organisator Thorsten Sauter hinterließ die intensive Vorbereitung der Titelkämpfe Spuren: „Als Veranstalter bin ich sehr zufrieden, doch sportlich war es für mich bitter“, zog der Deutsche Meister von 1995 und 1997 sein Fazit. Mit Platz zehn blieb er weit hinter seinen Erwartungen: „Jetzt habe ich drei Wochen Zeit, um mich auf die Teilnahme an den Weltmeisterschaften zu konzentrieren.“

 

Bei den Frauen wurde mit dem Recurvebogen die Berlinerin Lisa Unruh ihrer Favoritenrolle gerecht und gewann ihren ersten Deutschen Meistertitel. „Es lief einfach gut und ich bin das erste Mal zufrieden wie ich im Feld geschossen habe“, kommentierte sie ihren überlegenen Sieg. „Der Parcour war sehr schön und die Aussicht war traumhaft, so etwas kennen wir in Berlin nicht.“ Nach dem ersten Tag sah es zunächst nach der erfolgreichen Titelverteidigung von Jutta Pepperl aus, doch am Sonntag hatte sie auf dem Parcour mit Scheiben in unbekannten Entfernungen der Berlinerin nichts mehr entgegen zu setzen. Mit 340 Ringen zog Lisa Unruh ihren Konkurrentinnen unwiderstehlich davon. Jutta Pepperl wurde von Manuela Kaltenmark noch auf Rang drei verdrängt, die damit wie im Vorjahr Vizemeisterin wurde. Keine Chance im Titelkampf hatte Ute Fleischer. Die Hildesheimerin steht neben Lisa Unruh im deutschen WM-Aufgebot, kam aber bei den nationalen Titelkämpfen nicht über Rang fünf hinaus.

 Geschlagen wurden auch die drei deutschen WM-Teilnehmer mit dem Compoundbogen in der Schützenklasse. Axel Langweige, der zuletzt 2006 und 2007 den Titel gewann, sowie Jens Asbach vom BSC Nidderau und Roland Pepperl von Sherwood Herne kamen nur auf die Plätze drei bis fünf. Bestimmt wurde das Geschehen im Compoundbereich von Andre Grawinkel, der mit 22 Ringen einen überlegenen Sieg vor dem Überraschungszweiten Felix Michl vom BS Mühlen feierte. „Ich habe wieder auf Rückenspannung umgestellt“, erklärte der 35-jährige Grawinkel seinen überlegenen Erfolg. „Vor zwei Wochen habe ich meinen Fehler entdeckt. Ich habe in den letzten Jahren inkonsequent geschossen.“ Nach seinem Sieg im Jahr 2005 gewann Andre Grawinkel seinen zweiten Deutschen Meistertitel im Feldbogenbereich, pflegt aber keine internationalen Ambitionen mehr: „Ich will mich nicht mehr quälen und schieße nur noch nationale Wettkämpfe. Heute habe ich mit viel Spaß gewonnen.“ Am ersten Tag führte Grawinkel nur mit fünf Ringen: „Der Kurs war da relativ einfach, aber am zweiten Tag waren die schweren Scheiben weit weg. Auf so einer Runde gibt man ganz schnell Ringe ab.“ Nicht so Grawinkel, der mit 400 Ringen auf den Scheiben in bekannten Entfernungen die gesamte Konkurrenz deklassierte. „Da ist mir die neue Regel zu Gute gekommen“, erklärte er die hohe Anzahl von Treffern in die Sechs, die für die Ring-Fünf der Vorjahre die Ergebnisse erhöhte. Nur fünfmal verfehlte der Sherwoodschütze aus Herne das Gelb der Scheibe und traf bei 144 Schüssen insgesamt 98mal die optimale Sechs.

„Wie im Bilderbuch“, freute sich Silke Höttecke nach ihrem Sieg beim Compoundbogen-Wettbewerb der Frauen, „Bei diesem Parcour war alles drin. Es war ein anstrengendes aber schönes Schießen und man kann Mittenwald mit einem internationalen Parcour vergleichen.“ Die 37-jährige Sherwoodschützin aus Castrop-Rauxel holte sich ihren nationalen Titel aus dem Jahr 2006 von Heike Ehrlich zurück. Die amtierende Weltmeisterin zog am zweiten Wettkampftag auf die Scheiben in bekannten Entfernungen der Konkurrenz unwiderstehlich davon. „Das war hier eine optimale WM-Vorbereitung. Ich weiß, das alles stimmt und will in Wales so weit wie möglich nach vorne kommen.“ Hinter Höttecke lieferten sich Heike Ehrlich und Ulrike Wiese ein spannendes Duell um den Vizemeistertitel. „Ich hatte Probleme mit den Einstellungen an meinem Bogen. Daher hat es zu lange gedauert, bis ich die Sechs getroffen habe“, resümierte Heike Ehrlich ihre Leistung am zweiten Tag, als sie den Zweikampf gegen Ulrike Wiese knapp um drei Ringe verloren hatte. „Aber es kann sein, das mir die ungewohnte Höhe für mich auch ein Problem war.“ Heike Ehrlich hat mit dem Sprung auf das Siegerpodest ihr gesetztes Ziel erreicht. „Vor der WM wollte ich unbedingt eine Medaille“ Seit vier Jahren gehört die für den BSC Rüsselsheim schießende Frankfurter Bankkauffrau zum Nationalkader, doch die Kombination aus Beruf und Sport verlangt ihr mit dem täglichen Training viel ab. „In diesem Jahr fällt mir das echt schwer. Nach den Weltmeisterschaften mache ich mit meinem Mann erst einmal Urlaub – auf einer einsamen Berghütte auf 1200 Meter Höhe, ohne Bogen, Fernseher und Handy.“

 

Seine Nominierung für die Weltmeisterschaften in Wales bei den Junioren rechtfertigte Florian Oswald. Der 18-jährige Württemberger von den Bogenschützen Mühlen dominierte den Compoundwettbewerb der Nachwuchsschützen mit einer glänzenden Leistung, bei der er 102mal die optimale Sechs im Gelb der Scheiben traf.

Nach seinen Siegen in den Jahren 2000 und 2001 stand Karlheinz Clauter mit dem Blankbogen bei den Männern wieder ganz oben auf dem Siegerpodest. Der 51-jährige aus Rheinhessen startete in der Schützenklasse. In Abwesenheit von Vorjahresmeister Ernst Crome lieferte sich Clauter lange einen Zweikampf mit dem 27 Jahre jüngeren Thomas Bausch. Doch der Hesse aus Lützow Mauloff war am zweiten Wettkampftag den erfahrenen Konkurrenten nicht mehr gewachsen und fiel auf Rang vier zurück. „Die Erfahrung bringt Vorteile bei den langen Distanzen, da habe ich mehr Sechser geschossen“, so Karlheinz Clauter, der am zweiten Tag die Auftholjagd von WM-Teilnehmer Josef Meyer bestand. „Seit meinem Herzinfarkt im Jahr 2007 habe ich keine internationalen Ambitionen mehr“, erzählte der ehemalige Nationalschütze, der inzwischen für den hessischen SV Aarfalke Wehen startet. „Ich trainierte unter Leitung von Reinhold Ruhl nur noch im Hessenkader. Das ist eine super Mannschaft und da will ich bleiben.“ Der Essener Meyer unterstrich seine WM-Nominierung am zweiten Tag mit einer tollen Aufholjagd. Doch 28 Ringe Rückstand auf den gleichaltrigen Clauter am ersten Tag waren zu viel. Vom neunten Rang aus zog er am zweiten Tag auf die Scheiben in bekannten Entfernungen an sieben Konkurrenten vorbei uns sicherte sich den Vizemeistertitel. Neben Josef Meyer fährt Routinier Ladislav Voboril zu den Weltmeisterschaften als zweiter Blankbogenschütze nach Wales. Der 63-jährige gehört seit 22 Jahren zum Nationalteam und holte sich in der Herren-Altersklasse einen weiteren nationalen Einzeltitel.

 

Mit einer überlegenen Leistung am ersten Wettkampftag schaffte Monika Jentges die Grundlage zu ihrem achten Sieg seit 2001 bei den Frauen mit dem Blankbogen. Die Weltmeisterin von 2004 hielt ihren Vorsprung gegen die am zweiten Tag stark aufholende Manja Conrad. Die Württembergerin von BS Nürtingen tritt in Wales neben Monika Jentges bei den Weltmeisterschaften an und überzeugte am zweiten Tag bei der Runde auf Scheiben in bekannten Entfernungen. Vom vierten Platz aus gelang ihr mit 282 Ringen die mit Abstand beste Leistung und sie kam bis auf zehn Ringe an die siegreiche Monika Jentges heran.

 

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