Der erfolgreiche Schachzug des Iceman
Finale der Luftpistole-Bundesliga in der Coburger Anger-Sporthalle
Ausschnitte aus meinem Bericht für die Deutsche Schützenzeitung
Die Fans hält es längst nicht mehr auf den Sitzplätzen. In der ausverkauften Anger-Sporthalle von Coburg schreien sich die Anhänger des SV Kelheim-Gmünd und der SB Broistedt die Kehlen heiser. Viele der neutralen Zuschauer halten sich die Ohren zu, denn der Lärmpegel beim Bundesligafinale der Luftpistolenschützen hat fünf Minuten vor Schluß seinen Höhepunkt erreicht. Ständig wechselt die Führung hin und her. Gerade haben die Kelheimer mit 3:2 geführt, da dreht das Match in der 45. Minute zugunsten der Broistedter. Nervosität herrscht jetzt überall. Die Aufregung der Zuschauer überträgt sich auf die Trainer. Philip Bernhard hat längst die Trainerbank verlassen und sich unter die Broistedter Fans gemischt. „Broistedt, Broistedt, Broistedt“, schallt es von den dicht besetzten Rängen und neben den Niedersachsen halten die Kelheimer Anhänger dagegen. „Kelheim, Kelheim, Kelheim“, schreien die etwa 40 Fans der Niederbayern, darunter Teambetreuer Rudolf Rauch.
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Der ehemalige Vereinsvorsitzende hatte seine Mannschaft nicht in der Favoritenrolle gesehen. „Der SB Broistedt vielleicht“, antwortete Rauch auf die Frage nach dem Topfavoriten des zwölften Bundesligafinales bei den Luftpistolenschützen. Seit 45 Minuten standen die Kelheimer dem erklärten Favoriten aus Niedersachsen gegenüber und beide Teams lieferten sich wie die Fans auf den Rängen einen leidenschaftlichen Titelkampf, der seinen Höhepunkt mit dem letzten Schuss von Florian Ullrich fand. Der 24-jährige Broistedter stand urplötzlich im Fokus, nachdem es lange Zeit nach einer Niederlage von Ullrich auf Position vier gegen Thomas Karsch aussah.
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Der 29-jährige Kelheimer gehörte schon beim Startschuss für die Luftpistolen-Bundesliga im Jahr 1997 zum Kader und verdiente sich zwölf Jahre später das Lob von Rudolf Rauch. „Er hat es geschafft, seine Nerven in den Griff zu bekommen.“ Nach 30 Schüssen führte Thomas Karsch scheinbar sicher mit fünf Ringen Vorsprung, doch seine Nerven hielten in der Schlussphase nicht. Mit einer 89er Schlußserie gab er seinen fünf Jahre jüngeren Gegner wieder eine Siegchance. „Ullrich, Ullrich, Ullrich“, feuerten die Broistedter ihren letzten Schützen im Stand an. Im Viertelfinale hatte Ullrich den Schweizer Christoph Schmid besiegt und hatte dabei in der Schlussphase den Vorsprung des Ludwigsburgers aufgeholt. Das gleiche Kunststück schien ihm auch gegen Karsch zu gelingen, da unterlief ihm mit dem 38. der 40 Wertungsschüsse eine 8,8. Aufstöhnen in den Broistedter Fanreihen, aber mit zwei Zehner konnte er noch den Sieg für sein Team sichern. Alle Augen starrten gebannt auf Ullrich, dem die Anspannung anzusehen war. Der vorletzte Schuss landete in der Neun. Jetzt musste er optimal treffen, um die 373er Vorgabe seines Gegners noch ausgleichen zu können. Als nach dem letzten Schuss nicht die von den Broistedter Fans erhoffte „Zehn“ aufleuchtete, sondern der Monitor den Treffer in Gelb mit einer „Neun“ anzeigte, brachten bei den Kelheimer Anhängern alle Dämme. Aktive, Betreuer und Fans lagen sich jubelnd in den Armen. „Danke, Danke, Danke“, stammelte Rudolf Rauch, als er Trainer Matthias Hahn gar nicht mehr aus den Armen lassen wollte, „das ist der größte Erfolg unserer Vereinsgeschichte.“
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Lange Zeit hatte im Finale Matthias Hahn ruhig und konzentriert den Wettkampf verfolgt. Der Kelheimer Trainer machte sich gelegentlich Notizen und reagierte nur, wenn einer seiner Schützlinge seinen Rat während einer Wettkampfpause brauchte. Fast schien das Gesicht des finnischen Nationaltrainer zu einem „Iceman“ aus dem hohen Norden zu erstarren. Vor zwei Jahren hatte der 41-jährige das Angebot des finnischen Schützenverbandes angenommen, doch sein Engagement beim Bundesligisten SV Kelheim-Gmünd behielt er bei und nach fünf Jahren fand sein Einsatz bei dem knapp einhundert Mitglieder zählenden Verein den Höhepunkt. Als der Kelheimer Sieg feststand riss es auch Matthias Hahn von seinem Sitz. „Ich habe gewusst, es wird ein enges Match. Bei dieser Anspannung war es nicht leicht für die Schützen, die optimale Leistung abzurufen.“
In die Begeisterung der Fans reihte sich Moderator Uwe Knapp ein: „Das war ein Wettkampf, wie es ihn noch nie gegeben hat.“ Begonnen hatte das denkwürdige Finale mit der stimmungsvollen Unterstützung der Fans für die beteiligten zehn Aktiven. Als stimmgewaltiger erwiesen sich zunächst die Broistedter Anhänger, die immer wieder von Trainer Philip Bernhard angefeuert wurden. Erst einige Zeit nach dem Finale bemerkte der sichtlich geschaffte niedersächsische Trainer in der Anger-Sporthalle ein Hinweisschild: „Der Gebrauch von lärmintensiven Instrumenten Geräten mit zu hohem Geräuschpegel ist verboten.“ Es blieb ein Lächeln für den Hinweis, denn was die beiden Fangruppen aus Broistedt und Kelheim während der 50-minütigen Schießzeit boten, war nichts für empfindliche Ohren. Siegeszuversicht strahlten beide Teams durch ihre Bekleidung aus. Beide setzten mit ihren Trikots auf die Farbe Rot, die im mentalen Bereich für starken Willen, Entschlossenheit und Durchhaltewillen steht. Zudem verkörpert das dominierende Rot die Leidenschaft und Emotionen, mit denen das Luftpistolenfinale in der Coburger Anger-Sporthalle zu einem Höhepunkt in der Schießsportgeschichte wurde.
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Das Finale war für Broistedts Trainer Phlip Bernhard echte Schwerstarbeit, der vor dem ersten Schuss „eine Riesenshow“, dem Publikum ankündigte. Bei dem nervösen Beginn unterbrachen zahlreiche Aktive früh ihren Wettkampf und suchten den Rat ihres Trainers. Dann herrschte Entsetzen unter den Broistedter Anhängern, als Hans-Jörg Meyer seine Luftpistole nach nur fünf Schüssen einpackte und die Schießlinie verließ. Nach einer 9,2 reagierte der Nationalschütze auf einen sich abzeichneten Waffendefekt. „Der Rückschlagdämpfer funktionierte nicht mehr“, erklärte er später sein Problem, auf das Philip Bernhard blitzartig reagierte. Er schnappte sich den Pistolenkoffer seiner Nummer eins und rannte aus der Sporthalle in Richtung der Ausrüsterfirmen. Zehn Minuten später war die Luftpistole von Hans-Jörg Meyer wieder einsatzbereit. Sofort begann Meyer wieder mit dem Wettkampf: „Ich habe auf die möglichen Probeschüsse verzichtet und wollte sofort wieder rein in das Match. Die Pistole war wieder zu 75 Prozent in Ordnung.“ Derweil hatte sein Gegner Roberto Di Donna eine Wettkampfpause eingelegt. Ohne seinen direkten Konkurrenten hatte der Italiener unkonzentriert begonnen und nach einer Acht mit dem siebten Schuss nur 93 Ringe in der ersten Serie erreicht. Bange Broistedter Blicke galten Hans-Jörg Meyer. Wird seine Luftpistole den Wettkampf durchstehen? Bei jeder Zehn des 47-jährigen Nationalschützen jubelten die Fans und es hallte „Meyer, Meyer, Meyer“ durch die Halle. Der Wettkampf sah zunächst Kelheimer Vorteile mit einer 4:1 Führung nach zwanzig Minuten. Immer wieder forderte Philip Bernhard die lautstarke Unterstützung der Fans und die Rechnung des Broistedter Trainers ging auf. Zur Hälfte des Wettkampfes hatten die Niedersachsen ausgeglichen und nur auf Position zwei war die Vorentscheidung bereits gefallen. Munkhbayar Dorjsuren führte nach zwanzig Schüssen mit neun Ringen gegenüber Michael Peirick. Endlich hatte die 39-jährige Olympia-Bronzemedaillengewinnern wieder ihre gewohnte Leistungsstärke gefunden und zeigte nach einer durchwachsenen Vorrunde beim Finale in Coburg eine starke Vorstellung. Während sie ihren 373:366 Sieg gegen Michael Peirick ins Ziel brachte, waren die übrigen vier Begegnungen stets ausgeglichen und die Führung wechselte auf der Anzeigetafel ständig. Nach knapp einer halben Stunde feierten die Broistedter den 4:1 Vorteil ihres Teams, doch schon wenige Minuten später lagen die Kelheimer wieder 3:2 in Front.
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Den ersten Einzelpunkt für Kelheim sicherte Christoph Schultheiß auf Position fünf gegen Thomas Hoppe. Trainer Matthias Hahn hatte den 19-jährigen im Viertel- und Halbfinale nicht eingesetzt und erst zum Finale für Thomas Kirchmeier eingewechselt. „Das war ein taktischer Wechsel“, erklärte Hahn seinen erfolgreichen Schachzug, „den habe ich mir schon gestern überlegt.“ Zwei Wochen vor der Teilnahme an den Europameisterschaften in Prag bestand Schultheiß den Bundesliga-Härtetest und rechtfertigte das Vertrauen seines Trainers mit einem in keiner Phase gefährteten 376:373 Sieg über seinen Broistedter Gegner. Die 1:0 Führung der Kelheimer egalisierte der Schweizer Martin Flury, der für Broistedt im Finale eine makellose Leistung bot. Bis zum 29. Schuss hielt Sebastian Rosner für Kelheim das Duell mit Flury offen, der gerade eine fast optimale 10,8 erzielt hatte, als Trainer Philip Bernhard in den Zweikampf eingriff. Trotz des guten Laufs holte der Martin Flury von der Schießlinie und die Pause des Schweizers brachte Sebastian Rosner aus dem Rhythmus. Rosner kam mit den letzten zehn Schüssen nur auf 89 Ringe und machte damit den Weg frei zum glatten 382:376 Sieg für Martin Flury.
Acht Minuten vor Wettkampfende brachte Munkhbayar Dorjsuren das Kelheimer Team gegen Michael Peirick mit 2:1 in Führung. Der 30-jährige Peirick stand bereits zum fünften Mal in einem Bundesligafinale und hatte mit der SGi Waldenburg und dem VSS Haltern schon dreimal den Meistertitel gewonnen. Nach seinem Wechsel vom amtierenden Meister Waldenburg zum Vorjahresvizemeister Broistedt und einer glänzenden Vorrunde erreichte Peirick im Finale nicht seine Normalform und kam gegen Dorjsuren nicht über seine schwächste Saisonleistung hinaus. Die Kelheimer Führung konterte Hans-Jörg Meyer, der den tollen Zweikampf mit Roberto Di Donna knapp für sich entschied. Die Broistedter Fans tobten, als ihr Idol auf Position eins in der dritten Serie sich mit sechs Zehner in Folge von dem Italiener absetzte. Doch eine Acht mit den 27. Schuss von Meyer brachten Di Donna wieder heran und in der Schlussphase zollte der Broistedter Nationalschütze seinen anfänglichen Problemen Tribut. „Ich konnte nur noch 30 Prozent der Schüsse konzentriert abziehen. Heute habe ich meine ganze Erfahrung einsetzen und auch mal Zocken müssen. Beim Abziehen hatte ich Reflexe, die ich bewusst nicht mehr steuern konnte.“ Nach einer mäßigen 93er Schlußserie legte Hans-Jörg Meyer seinem Gegner 380 Ringe vor und der Italiener schien die Einladung annehmen zu können. Doch eine 9,5 mit dem letzten Schuss beendete die Hoffnungen des Olympiasiegers von 1996 und musste mit 379 Ringen den 2:2 Ausgleich zulassen.
Wenige Minuten nach dem Ausgleich erstarrten die Broistedter Anhänger, als Florian Ullrich sein Match gegen Thomas Karsch verlor und damit den SV Kelheim-Gmünd erstmals zum Deutschen Meister der Luftpistolenschützen kürte. „Wir haben es in der Hand gehabt und waren so nah dran“, kommentierte Phillip Bernhard nach der ersten Enttäuschung den Ausgang des dramatischen Finales, das mit der erneuten Vizemeisterschaft für Broistedt endete. „Doch wir haben Silber gewonnen“, war Bernhard wenig später wieder in bester Laune und die Hans-Jörg Meyer war trotz der Niederlage bester Laune: „Es ist eine Freude, das wir wieder Zweiter geworden sind. Zum letzten Jahr haben wir mit der tollen Stimmung noch einen drauf gesetzt. So etwas wie hier erlebt man bei keiner Weltmeisterschaft, das gibt es nur in der Bundesliga.“
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