Meine Schwester und ich in Mutter´s Heimat
Nach meinen ersten Erfahrungen mit Tschechien und dem Egerland dauerte es nicht lange, bis ich meine Schwester Birgit für die Heimat unserer Mutter begeisterte. Am 23. August 2003 war es dann soweit, wir verbrachten einen Tag im Egerland an den Orten, wo unsere Vorfahren gelebt haben.
Erste Station unserer Reise war Neudorf (Trsténice), wo Birgit die ersten Kontakte zu Einheimischen knüpfte und wir gemeinsam erste Spuren der Vergangenheit auf dem Friedhof fanden.
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Neben den tschechischen Gräbern waren hier noch zahlreiche deutsche Gräber aus den 30er Jahren gut erhalten, obwohl auch zahlreiche alte Grabsteine achtlos umherlagen. So verbrachten wir viel Zeit, die alten Inschriften zu entziffern, fanden aber das erhoffte Grab unserer Uroma Anna Weis nicht.
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Nach der ersten Spurensuche in Neudorf - hier hat einst im Jahr 1929 unsere Oma geheiratet - fuhren wir weiter in die Heimatgemeinde unserer Mutter: Dürrmaul (Drmoul). Dort war unsere Mutter bis 1945 zur Schule gegangen, bevor sie mit unserer Oma Emma Konheiser nach Groß-Gerau ausgesiedelt wurde. 57 Jahre später kehrten wir in den Heimatort unserer Mutter zurück und fühlten uns so richtig wohl. Erstes Ziel war die Pension "Styl" der Familie Zidek. Wir erlebten tschechische Gastfreundschaft vom Feinsten und genossen (wie zu Oma´ s Zeiten) böhmische Knödel und zum Nachtisch die berühmten Palatschinken - genauso wie sie von der Oma gemacht wurden. Da lachten die Herzen der Konheiser-Nachfahren und unser Zeitplan für den gemeinsamen Tag im Egerland geriet ins Schwanken. Birgit erkundigte sich nach den Plätzen zur Pilz- und Heidelbeersuche und weckte damit das Interesse unseres Gastwirts. Leider gab es keine Pilze mehr zu dieser Jahreszeit, so wurde ihr von Herrn Zidek ein Glas Pilze zur Erinnerung an den Besuch im "Styl" geschenkt.
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Bei herrlichen Wetter nutzten wir die Gelegenheit zu einem Rundgang durch das idyllische Dürrmaul, das auf tschechisch Drmoul heißt.
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Vom Dorf Dürrmaul fuhren wir zwei Kilometer hinauf zum "Herrenberg" (Panský vrch). In der Haus Nr. 88 wurde unsere Oma Emma Konheiser geb. Weis im Jahr 1904 geboren und hat das elterliche Wohnhaus 1939 zusammen mit ihrem Ehemann Karl übernommen. Dort hat sie wenige Jahre mit ihren Kindern Marianne und Karl gelebt. Karl Konheiser ist seit dem 20. Dezember 1942 an der Ostfront vor Stalingrad vermißt und kehrte nicht mehr aus dem Krieg zurück. Mit ihren Kindern erlebte unsere Oma im Jahr 1946 die Aussiedlung von ihrem geliebten Herrenberg nach Groß-Gerau, wo sie nach schwierigen Jahren ein neues Leben zusammen mit ihren Kindern aufbaute. Sohn Karl kehrte wohlbehalten aus dem Krieg zurück und heiratete in Groß-Gerau ebenso wie die Tochter Marianne. Aus der Ehe zwischen Marianne Konheiser und Rudolf Wabnitz gingen die Kinder Birgit und Werner hervor.
Als Nachfahren machten wir uns am 23. August auf, die Umgebung des Herrenbergs zu erkunden. Durch einen glücklichen Zufall lernten wir im Wald einen einheimischen Tschechen kennen, der sich als Nachbar des ehemals elterlichen Grundstücks entpuppte. So erfuhren wir viele Dinge, die in der Zeit nach unseren Vorfahren auf dem Herrenberg passierten und fanden zudem die Sehenswürdigkeiten, den "Stollensäuerbrunnen" und den jüdischen Friedhof.
Der Stollensäuerbrunnen entspringt in einer Höhe von 575 Meter - ganz in der Nähe der Häuser auf dem Herrenberg - an der nassen Wiese am Stollenbach "Stolni potok", der früher Dirndlbach hieß und in dem früher an Ostern die Mädchen aus den umliegenden Dörfern ihre Gesichter wuschen - damit sie hübsch bleiben! Das ließ sich natürlich Birgit nicht nehmen - es war zwar nicht Ostern, doch eine ausgiebige Gesichtswäsche war angesagt. Bekannt wurde der Säuerling durch seinen köstlichen Geschmack, der vom erhöhten Gehalt an freiem Kohlendioxid zurückgeführt wird. Die Mineralquelle entspringt bei einer Temperatur von acht Grad in einem großen hohlen Baumstamm mit einer geringen Ergiebigkeit von maximal zwei Liter in der Minute. Dadurch war eine komerzielle Nutzung nicht möglich und der Austritt blieb eine Naturbesonderheit.
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Unweit des Herrenberg und des Stollensäuerbrunnen befindet sich auf dem Hang eines Waldhügels der jüdische Friedhof, dessen älteste erhaltene Grabmäler aus der Zeit Ende des 17. Jahrhunderts stammen. Die alten Grabmäler sind mit barocken und klassizistischen Ornamenten geschmückt und sind damit historisch wertvoll. In den 40er Jahren wurde der Friedhof mit seiner Holzeinzäunung von den Deutschen zerstört, wurde aber in jüngster Zeit wieder erneuert und gehört jetzt zu den Sehenswürdigkeiten von Dürrmaul. In die Gemeinde Drmoul wurden Juden erstmals im Jahr 1655 erwähnt und im Jahr 1803 entstand eine Synagoge, die im 1938 zerstört wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten alle Juden ihre Heimatgemeinde verlassen, nachdem 1895 unter 900 Einwohnern 101 Juden lebten. Bekannteste Persönlichkeiten der Dürrmauler Judengemeinde waren der Rabbiner Isaac Mayer Weis, der Gründer des amerikanischen Reform-Judaismus und der Schriftsteller Norbert Fryd, der bis 1976 lebte und die Dürrmauler Judengemeinde in seinen Büchern beschrieb.
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Von der Besichtigung des jüdischen Friedhofs zurück, verabschiedeten wir uns von den tschechischen Einheimischen mit dem Versprechen, dass wir bei unserem nächsten Besuch zum Kaffeetrinken bleiben. Es war schon spät geworden und wir hatten längst noch nicht alle Stätten der Vergangenheit besucht. Durch den Wald vom Herrenberg geht eine kleine Straße ins benachbarte Drei Hacken (Tri Sekery). Gleich am Ortseingang befindet sich die ehemalige Spielzeugwarenfabrik Engel, in der unser Opa in den 30er Jahren gearbeitet hat. In der Dorfmitte fanden wir die Kirche, in der unsere Mutter getauft wurde, bevor wir in dem kleinen Ort Schöntal deren Geburtshaus mit der Nr. 36 fanden. Wir waren überrascht, wie viele Neubauten in dem schönen Schöntal entstanden sind und eine Vielzahl von Fahrzeugen mit deutschen Nummernschildern vor den Häusern zu sehen sind. Kontakte konnten wir am Abend aber nicht mehr knüpfen, denn wir wollten zumindest einen Kurzbesuch in Marienbad machen.
"Marianske Lazne" ist eine der bekannten Kurstädte in Tschechien. Nur zwei Kilometer von Dürrmaul entfernt hat unsere Oma damals in den Hotels die von ihr gesammelten Heidelbeeren verkauft. Auch unser Opa hat gelegentlich in einigen Hotels gearbeitet.
Die berühmte Kurstadt erhielt 1848 die Stadtrechte und nahm mit ihrem Bürgermeister Dr. August Herzig eine großartige Entwicklung. So entstand auch das neue Bad im Baustil der Neo Renaissance und als Marienbad 1902 Kreisstadt wurde war der Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens erreicht. Im Rekordjahr 1911 zählte Marienbad über 34.000 Besucher. Nach dem zweiten Weltkrieg stagnierte der Kurbetrieb, der erst mit viel Mühe wieder den alten Ruf und Glanz erreicht.
Wir waren am Abend in Marienbad begeistert von dieser schönen Stadt, in die wir zu einem längeren Besuch bald zurückkehren werden. Dann werde ich mehr darüber berichten.