AS Ginsheim

....als die Narren zum Gewehr griffen
Die Geschichte der Ginsheimer Altrheinschützen
Die Geschichte der Altrheinschützen beginnt bereits im Jahr 1894, als in Ginsheim noch niemand an den Schießsport dachte. Damals schlossen sich einige Ginsheimer Bürger zusammen, um einen Carnevalverein zu gründen. Zunächst stand die Bevölkerung dem Carneval in Ginsheim noch ablehnend gegenüber, doch die Gründer um den humoristischen Leiter Adam Dreyer verstanden es zu beweisen, dass Carneval nicht nur der Großstadt überlassen werden darf. Der glanzvolle Anfang wurde beendet, als die aktiven Mitglieder zum Militär eingezogen wurden. Der Wiedergründung im Jahr 1909, dem ersten Fassnachtszug zwei Jahre später, folgte nach dem ersten Weltkrieg die erneute Auflösung, als der Verein nur noch elf Mitglieder zählte. Im Jahr 1949 fanden sich wieder einige Idealisten und gründeten den Carnevalverein Ginsheim. Mit Holzgewehren und Papierschakos marschierte der Verein noch im gleichen Jahr am Fassnachtszug mit. Ein Jahr später reichte das Geld zur Anschaffung von Uniformen und es formierte sich die Altrheinschützengarde. Johann Berkau und sein Sohn Hans waren die treibende Kraft der Gründung und wenn es darum ging, in Ginsheim die Fastnacht "aufzuziehen". Die Altrheinschützengarde wurde eine stolze Gruppe in den Fastnachtszügen, insbesondere im Mainzer Rosenmontagszug, arrangierten Prunk- und Fremdensitzungen, stürmten das Rathaus und waren länger als ein Jahrzehnt in Ginsheim für die Fastnacht zuständig.
Zur Fastnacht mit Holzgewehren
Das Engagement der Altrheinschützengarde ging 1950 über die närrische Zeit hinaus und es wurde erstmals ein Sommernachtsfest als Heimat- und Altrheinfest ausgerichtet. Sechs Jahre später wollten die Gardisten nicht nur zur Fastnacht mit Holzgewehren marschieren. Im Garten hinter dem Haus des Garde-Vorstandsmitgliedes Georg Bender, in der Ginsheimer Friedrich-Ebert-Straße, wurde in Selbsthilfe ein kleiner Schießstand eingerichtet. Von 1958 bis 1970 leistete der "Schießstand im Gemüsegarten" der Altrheinschützengarde gute Dienste und stand kostenlos zur Verfügung. Georg Bender führte die Altrheinschützengarde bis ins Jahr 1965 und wurde danach durch seinen Sohn Karl abgelöst.
Wir sind Schützen und keine Garde
Im gleichen Jahr kam es auf dem Rheindamm zum Treffen zwischen Georg Bender und Gerhard Kiesel, der gerade sein Haus in Ginsheim gebaut hatte und jetzt einen Schützenverein suchte, um dort Mitglied zu werden. Die Begegnung auf dem Damm führte Kiesel in den "Gemüsegarten", wo er mit dem Gewehr von Heinz Barth die ersten Luftgewehrschüsse abfeuerte. Drei Jahre später übernahm der 28-jährige Gerhard Kiesel die Führung der Altrheinschützengarde und kündigte eine Namensänderung an: "Wir sind Schützen und keine Garde", begründete Kiesel sein Ziel der Umbennung des Vereins, "außerdem wollen wir einen besseren Ruf". Kiesel wußte, dass die Altrheinschützengarde in diesen Jahren in Ginsheim keinen guten Ruf genoss.
Gerhard Kiesel steht für den sportlichen Aufschwung bei den Altrheinschützen, die trotz des primitiven Schießstandes von Erfolg zu Erfolg eilten. Höhepunkt war zunächst die Teilnahme an den Hessenmeisterschaften. Zusammen mit Kiesel bildeten sein schießsportliches Vorbild Karl-Heinz Hebel und die Brüder Horst und Peter Armann die Mannschaft, die in Wiesbaden erstmals auf Landesebene an den Start ging.
Drei Anläufe bis zum Birkenwäldchen
Mit den sportlichen Erfolgen stieg der Wunsch nach einer modernen Schießstandanlage. Schon unter der Führung von Karl Bender war der erste Versuch gescheitert, eine eigene Standanlage zu erhalten. Der Platz "Im Bausen" wurde aufgrund der Hochwassergefahr wieder verworfen. Mit ihrem neuen Vorsitzenden Gerhard Kiesel starteten die Altrheinschützen ihren ersten Versuch in der Nähe des Bischofsheimer Sportplatzes. Am "Ginsheimer Sand" waren die Fundamente fertig, als die Genehmigung für den Weiterbau verweigert wurde. Der zweite Versuch folgte auf dem Gelände neben dem "Birkendämmchen". Die Genehmigung der Gemeinde lag vor und die Schützen betätigten sich als Maurer. Es standen schon die ersten Mauern und die Altrheinschützen hatten mehrere hundert Arbeitsstunden geleistet, da starteten Anwohner eine Unterschriftensammlung gegen diesen Schießstand. Daraufhin wurde von der Gemeinde Ginsheim die Genehmigung wieder entzogen, doch die Schützen erhielten wenig später am "Birkenwäldchen" ihr heutiges Gelände.
Die Altrheinschützen kann nichts mehr erschüttern
1970 konnte die Altrheinschützen nichts mehr erschüttern und wieder nahmen sie die Kellen in die Hand. Bis Dezember 1971 entstand ein 10-Meter-Schießstand mit 16 Schießbahnen. Zwei Jahre später waren zwölf Pistolenstände auf 25 Meter fertiggestellt. "Das war unser bester Mann", erinnert sich heute der damalige Vorsitzende Gerhard Kiesel an den engagierten Einsatz von Nico Tommasone, der als Bauführer mehr als eintausend Arbeitsstunden leistete. Die Tommasone-Brüder Nico und Leo, Gerhard Kiesel, Georg Bender, Heinz Barth, Wolfgang Gattinger, Edgar Ullrich, Hans Metzger, Eberhard Wehling und Richard Saul gehörten zu den Mitgliedern, die sich in diesen Jahren besonders verdient machten.
Am 2. März 1974 wurde Rudi Theis zum neuen Vorsitzenden des Vereins gewählt, dessen Amtszeit nach zwei Jahren vorzeitig endete. Ausgangspunkt waren Streitigkeiten nach dem 25-jährigen Vereinsjubiläum im Jahr 1975, als die Altrheinschützen die Bewirtung des Festzeltes beim Ginsheimer Altrheinfest übernommen hatten. Die Altrheinschützen zählten 144 Mitglieder und die Mannschaften waren von der B-Klasse bis in die Gauklassen aufgestiegen. Es war die Zeit einer aktiven und leistungsstarken Jugendarbeit, aus der Walter Massing hervorging, dessen schießsportlichen Leistungen bis zu Erfolgen bei Weltmeisterschaften führten. "Das war ein Meilenstein für den Verein", erinnert sich Wolfgang Gattinger an diese Jahre, denn aus der Ausrichtung des Altrheinfestes verblieben so viele Einnahmen, dass die Überdachung des Schützenhauses umgesetzt wurde.
Aus der Garde werden Altrheinschützen
Die vereinsinternen Schwierigkeiten führten am 22. Mai 1976 zur Neuwahl des gesamten Vorstandes. Gerhard Kiesel wurde wieder zum Vorsitzenden gewählt, der in seinem Bericht den versammelten Mitgliedern mitteilte, dass sich bisher 33 Aktive an den Bauarbeiten beteiligten, die einen Wert von 222.000 Mark erreicht haben. Der neue Vorstand setzte jetzt auch Kiesel´s Empfehlung durch, dass der Verein nicht mehr Altrheinschützengarde 1950 e.V. Ginsheim heißt, sondern schlicht "Altrheinschützen". Mit Kiesel an der Spitze wurde der Vorstand auf 14 Mitglieder erweitert. Neben Kiesel´s Stellvertreter Karl-Heinz Hebel übernahm Lothar Konrad die Geschäftsführung und Wolfgang Gattinger das Amt des Schützenmeisters.
Die Einweihung der 50-Meter-Standanlage leitete das Ende der Ära des Vorsitzenden Gerhard Kiesel ein. Bis Dezember 1977 hatten die Ginsheimer Schützen mehr als zehntausend Arbeitsstunden geleistet. "Bisher wurde noch keine Firma und kein Handwerksbetrieb beim Bau beschäftigt", dankte Kiesel den Helfern des jetzt fast 150 Mitglieder zählenden Vereins. Der dritte Bauabschnitt war abgeschlossen, als Kiesel am 31. März 1979 das Amt des ersten Vorsitzenden an Waldemar Müller übergab und selbst die Stellvertreter-Position übernahm.
Die dreihundert Eier von Helene Müller
Im Jahr 1979 waren die Ginsheimer Schützen bei einem Fastnacht-Vereinsausflug beim Schützenverein in Bechtolsheim zu Gast und hatten erstmals ein "Ostereierschießen" gesehen. Diese Idee griffen die Ginsheimer auf und die Geschäftsführerin Helene Müller kochte 300 Eier, die beim ersten Ostereierschießen im Jahr 1980 ausgegeben wurden. Schon ein Jahr später wurden 3.000 Eier für die Gäste des Schießens gebraucht, das bis heute eine stetig steigende Nachfrage unter den Ginsheimer Bürgern genießt. Heute sorgt ein Ostereier-Lieferant für Nachschub und im Jahr 2002 konnten die Altrheinschützen 12.600 Ostereier an ihre Gäste verteilen.
Ein Niedersachse kommt nach Bischofsheim
Im Jahr 1978 kam Franz-Josef Kerber zu den Altrheinschützen. Der Niedersachse hatte ein Jahr zuvor in Tunesien seine erste Ehefrau kennengelernt und kam so nach Bischofsheim. Im 250 Einwohner zählenden Listringen bei Hildesheim hatte Kerber seine ersten Schießsporterfahrungen gesammelt und kam in Ginsheim sofort in den Vorstand. Als Franz-Josef Kerber im Jahr 1982 zum Nachfolger von Waldemar Müller ins Amt des Vorsitzenden gewählt wurde, richtete er sein Hauptaugenmerk auf die Fertigstellung der Gaststätte und die Altrheinschützen beteiligten sich mit einem geliehenen Verkaufsstand wieder am Ginsheimer Altrheinfest. Zusammen mit dem Ostereierschießen bildeten die Einnahmen aus der Beteiligung am Altrheinfest bis heute die Grundlage zum kontinuierlichen Ausbau des Schützenhauses.
Das 100.000 Mark-Projekt von Franz-Josef Kerber
Für ein Jahr wechselte der Vereinsvorsitz 1990 an Ernst Klein, der sich beim Altrheinfest engagierte, aber bald die Führung wieder an Franz-Josef Kerber übergab. Mit Kerber an der Spitze stellte der Verein 1992 die Gaststätte fertig und feierte zwei Jahre später die offizielle Einweihung der gesamten Standanlage. Der Ginsheimer Vorsitzende engagierte sich da schon über den Verein hinaus. 1990 erwarb Kerber die A-Lizenz als Internationaler Kampfrichter des Deutschen Schützenbundes, war Pistolenreferent im Kreisvorstand und zwölf Jahre lang Sportleiter im Schützengau Starkenburg, bevor er 1999 zum Gauschützenmeister gewählt wurde. Ein Jahr später übernahm er zudem das Amt des Vorderladerreferenten im Hessischen Schützenverband. Zu den Höhepunkten in Kerber´s Kampfrichtertätigkeit gehörten die Teilnahme an drei Wurfscheiben-Weltcup´s in Suhl, wo er 1996 mit der Leitung des Finals der Skeetschützen beauftragt wurde. Im Verein setzte Kerber im Jahr 1999 innerhalb von sechs Monaten den Umbau der 10-Meter-Standanlage in einen geschlossenen Schießstand um. "Es wurde ein optimaler Stand", freute sich Kerber nach der Fertigstellung, "das meiste habe ich selbst gemacht". Seit Eröffnung des 100.000 Mark-Projektes ist die Ginsheimer Standanlage regelmäßig Austragungsort von Meisterschaften in den 10-Meter-Disziplinen.
Norbert Obenauer übernimmt den Vorsitz
Als Kerber seine zweite Ehefrau Bettina heiratete und Töchterchen Victoria in den Blickpunkt rückte, er zudem im Jahr 2000 seine Jägerprüfung ablegte ("Ich wollte sehen, ob ich das schaffe"), endete die Amtszeit als Vereinsvorsitzender bei den Altrheinschützen. "Ich bin eigentlich nicht zum Schießen gekommen, ich bin nur Funktionär", so Kerber im Rückblick, "an meinen Nachfolger habe ich ein fertiges Schützenhaus und einen finanziell gesunden Verein übergeben". Bei der Neuwahl des heutigen Vorstandes übernahm Norbert Obenauer den Vorsitz. Mit dessen Stellvertreter Wolfgang Gattinger und dem ehemaligen Vorsitzenden Gerhard Kiesel (jetzt als Jugendleiter) gehören zwei langjährige Mitglieder zum jetzt achtköpfigen Vereinsvorstand.
Kontinuierliche Entwicklung zur Perfektion
Im sportlichen Bereich sorgt Walter Massing seit Jahren für die herausragenden Leistungen. "Er ist unser Aushängeschild und das Leitbild für die Jugend", lobt Wolfgang Gattinger den erfolgreichsten Altrheinschützen, "bei ihm beeindruckt die kontinuierliche Weiterentwicklung bis zur Perfektion".
Als Walter Massing im Jahr 1992 einen Polterabend feierte, war es die erste Feier in der Gaststätte, die seitdem von den Eheleuten Fritz und Inge Hammel bewirtschaftet wird. "Sie sind an jedem Trainingstag pünktlich da und übernehmen auch die Hausmeistertätigkeit", wissen die heutigen Vorstandsmitglieder die Arbeit zu schätzen.
Der neue Vereinsvorstand hat im Jahr 2002 wieder eine alte Ginsheimer Tradition bei den Altrheinschützen aufleben lassen. Erstmals wurde wieder ein Hausmaskenball mit Büttenreden veranstaltet.