Tell Raunheim

Spitzenschützen im Schmuckstück des Raunheimer Waldes
Die Geschichte der Sportschützengesellschaft Tell Raunheim
Die Gründung des Raunheimer Schützenvereins geht in das Jahr 1910 zurück, als die Industrie ihren Einzug in das etwa 1600 Einwohner zählende ehemalige Pfarrdorf hielt. Aus der Gründerzeit sind dem Verein keine Unterlagen mehr erhalten geblieben. So erinnern nur noch Bilder in der Chronik zum 50-jährigen Bestehen von Mitgliedern zum zehn- und zwanzigjährigen Jubiläum an die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Anläßlich der Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahr 1960 verwies der damalige hessische Landesoberschützenmeister Richard Karl Frey daran, "das er den Verein schon vor 45 Jahren besucht hat..." und "...wie schwer es war und auch heute noch ist". Auch Kreisschützenmeister Herbert Schmidt erinnerte 1960 daran, "das er den Verein schon drei Jahrzehnte kennt". In den dreißiger Jahren gehörten Karl Schwan, Peter Nenninger und Karl Merkel bei Meisterschaften zu den erfolgreichsten Tellschützen und waren beim 75-jährigen Jubiläum im Jahr 1985 die ältesten Mitglieder im Verein.
Trainingsbeginn mit zwei Luftgewehren
Karl Merkel gehörte zu den zwölf Schützen, die am 12. April 1953 in der Gaststätte "Zum Schwanen" in der Raunheimer, Liebfrauenstr. 12 die Sportschützengesellschaft "Tell" wiedergründeten. Zum ersten Vorsitzenden wurde Ludwig Hummel gewählt, in dessen Hof mit zwei Luftgewehren der Trainingsbetrieb begann. Ein Jahr später zählte der Verein bereits 40 Mitglieder und die Tellschützen verlegten das Training in den Keller des "Sportcasinos". Hier mußten die Stände immer wieder auf- und abgebaut werden, da der Raum noch von an deren Vereinen genutzt wurde. Ein Jahr nach der Vereinsgründung hatte die Lederfabrik "Ihm" 1911 ihren Sitz von Mainz nach Raunheim verlegt und sollte jetzt einige Jahre Bestandteil des Schützenvereins werden. In der Werkskantine wurde der Schießbetrieb intensiviert, bevor im August 1959 im Raunheimer Wald das eigene Schützenhaus feierlich eingeweiht wurde.
Pachtvertrag ohne Licht, Wasser und Kanal
Die Vereinsführung hatte zwischenzeitlich Heinz Neugebauer übernommen und es wurde mit der Gemeinde Raunheim ein Pachtvertrag ausgehandelt, in dem sich die Tellschützen verpflichteten, auf Licht, Wasser und Kanal zu verzichten. Dafür wurden die Schützen von der benachbarten Firma Dr. Bauer mit Steinen und durch die Gemeinde mit Bauholz unterstützt. Landrat Wilhelm Seipp und Landesoberschützenmeister Richard Karl Frey waren zur Eröffnung des neuen Schützenhauses nach Raunheim gekommen, dessen Wirtschaftsbetrieb am 1. Februar 1960 an das Ehepaar Nenninger übergeben wurde. Im Rahmen der Einweihung erinnerte Kreisschützenmeister Herbert Schmidt daran, "dass die Raunheimer Schützen schon einmal ein Heim besessen hätten, das von gewissenlosen Menschen zerstört worden sei."
Im Jahr 1961 übernahm Erwin Bernhardt für zehn Jahre den Vereinsvorsitz, der zu diesem Zeitpunkt 87 Mitglieder zählte, darunter Ludwig Hummel, Karl Schneider, Johann Hübner und Leo Krüttli die als Gründungs- und Ehrenmitglieder keinen Beitrag mehr zahlen mußten.
Ein Mann verwachsen mit dem Verein
n die Amtszeit von Erwin Bernhardt fiel die Förderung der Jugendarbeit und des Schießen mit dem Zimmerstutzen. Hier engagierte sich der 1995 verstorbene Bernhardt auch im Vorstand des Schützenkreises Groß-Gerau. "Er war die treibende Kraft im sportlichen Bereich", sieht der heutige Schatzmeister Karlheinz Götz im Rückblick die Verdienste von Bernhardt, der als 30-jähriger Vereinsführung übernommen hatte. 1965 konnte Bernhard den Mitglieder im Rahmen der Jahreshauptversammlung mitteilen, dass sich die Gemeinde Raunheim bereit erklärt hat, das Material für den Anschluß an die Trinkwasserversorgung zur Verfügung zu stellen, nachdem zwei Jahre zuvor der Gaststättenbetrieb eingestellt werden mußte. Bei einer Routineuntersuchung wurden im Brunnen des Schützenhauses gesundheitsschädigende Bakterien festgestellt. 1966 war der Trinkwasseranschluß hergestellt und nach Renovierung der Gaststätte wurde der Wirtschaftsbetrieb wieder aufgenommen. Gleichzeitig hatten die Tellschützen ihre Standanlage erweiterte. Die Disziplinen Luftgewehr und Zimmerstutzen wurden erweitert durch einen 50-Meter Kleinkaliberstand. Seitdem die Schießsportanlagen nach dem Zweiten Weltkrieg demontiert wurden, war jetzt wieder Kleinkaliberschießen auf zwei Ständen in Raunheim möglich. "Alle Schwierigkeiten konnten überwunden werden" schrieb das Rüsselsheimer Echo im Mai 1966 über die Neueröffnung des Schützenhauses, "unter Leitung von Erwin Bernhardt wurde ein schwieriges Kapitel "Tell" erfolgreich abgeschlossen.
Talentierte Nachwuchsschützen
Im sportlichen Bereich hatten sich die Raunheimer Schützen zu den führenden Aktiven im Kreis mit dem Zimmerstutzen entwickelt. Zu den größten Talenten gehörte Rainer Konrad, der mit dem Luftgewehr Gaumeister wurde und sich für den Kader des Hessischen Schützenverbandes qualifizierte. Neben Konrad der 18-jährige Horst Bimmel im Jahr 1965 zu den erfolgreichsten Tellschützen, die mit 36 Aktiven bei den Vereinsmeisterschaften eine Rekordbeteiligung erreichten. Als Rainer Konrad 1967 zum SV Biebrich wechselte endete zunächst die erfolgreiche Zeit der Raunheimer Gewehrschützen, die erst Mitte der 70er Jahre durch die Tochter von Erwin Bernhardt fortgesetzt wurde. Claudia Bernhardt (später: Blumenthal) entwickelte sich zu einer der besten hessischen Schützinnen und übernahm später im Vorstand des Kreises Groß-Gerau das Amt der Kreisdamenleiterin.
Ein Schmuckstück mitten im Wald
"Es wollte keiner mehr mit dem Gewehr schießen", erinnert sich Horst Wenzel heute an die Zeit, als Ende der 60er Jahre das Pistolenschießen im Verein zunahm. Nach der Bernhardt-Ära hatte mit der Wahl von Uwe Hurlin zum Vereinsvorsitzenden ein Umbruch begonnen. In die Amtszeit des Augenoptikermeisters fiel die Restaurierung und Erweiterung des Schützenhauses. "Ein Schmuckstück mitten im Wald", schrieben die Raunheimer Stadtnachrichten im Januar 1974, als die Tellschützen mit ihren 80 Mitgliedern viel Eigenhilfe geleistet hatten, um einen Wert von etwa 250.000 Mark seiner Bestimmung zu übergeben. Es war das heutige Waldrestaurant entstanden, ergänzt mit einer Drei-Zimmer-Wohnung für den Vereinswirt. Wieder waren die Raunheimer Schützen vom benachbarten Kalksandsteinwerk Dr. Bauer unterstützt worden, von dem die notwendigen Steine kostenlos angeliefert wurden.
Keiner will mehr den Vereinsvorsitz
Wenig später erlebte der Verein Reibereien unter den Schützen, nachdem der 50-Meter-Schießstand zu einem 25-Meter Pistolenstand umgebaut worden war. Horst Bimmel erinnert sich noch, "als geballert wurde die die Narren". Nach Uwe Hurlin hatte Peter Hartmnn die Vereinsführung übernommen, der wenig später das Amt des Vorsitzenden an Rainer Frieß weitergab, dem anschließend Günther Mislich nachfolgte. "Damals wollte keiner mehr den Vereinsvorsitz", erzählt im Rückblick Karlheinz Götz, der 1976 zum Verein kam. Mit Götz wurde wieder der sportliche Gedanken gefördert. Jetzt schloß sich auch Horst Bimmel den Pistolenschützen an, nachdem er 15 Jahre lang zu den besten Gewehrschützen gezählt hatte. Horst Bimmel und Karlheinz Götz gehören bis heute zur Tell-Stammformation im Pistolenbereich und habe beide mit ihren Söhnen Stefan und Matthias erfolgreiche Nachwuchstalente zum Raunheimer Schützenverein gebracht.
Stefan Bimmel wird zum Leistungsträger
Stefan Bimmel entwickelte sich schnell zum erfolgreichsten Raunheimer Schützen, nachdem er als Elfjähriger mit dem Schießsport begonnen hatte. Drei Jahre später war er bereits zweifacher hessischer Vizemeister und 1984 wurde er in den Kader des Hessischen Schützenverbandes aufgenommen, den er bis 1992 angehörte. Tägliches Training und eigener Ehrgeiz, die Unterstützung des Vaters, sowie die Zusammenarbeit mit dem hessischen Landestrainer Kurt Trautmann führten Stefan Bimmel 1987 zu seinem Sieg bei den Deutschen Meisterschaften mit dem Luftgewehr. Es folgten für den jetzt 17-jährigen zahlreiche Landeskämpfe und sein größtes Ziel, dem Sprung in die Nationalmannschaft, als er mit 593 von 600 möglichen Ringen im Kleinkaliber-Liegendkampf seine Bestform erreichte. Zwar verpaßte er die erhoffte Qualifikation, doch bis heute gehört er zu den Leistungsträgern in den Tell-Teams, das zu den besten in Hessen zählt.
Aufschwung und Belebung durch Wolfgang Treusch
Unterstützt wurde die leistungsorientierte Entwicklung im Verein durch die Wahl von Wolfgang Treusch zum Vereinsvorsitzenden. 1983 sorgte er für Aufschwung und Belebung im Vereinsleben und war entscheidend an der Planung und durchführung der neuen Kleinkaliberstandanlage und die Anschaffung des Vereinsbusses und einer neuen Vereinsfahne beteiligt. Die Raunheimer Tellschützen feiern jetzt erfolgreiche Zeltwochen, Schützenfeste und die Mitgliederzahl erhöhte sich auf 150.
Im Jubiläumsjahr 1985 feiern die Tell-Frauen mit Claudia Bernhardt als Leistungsträgerin, sowie Marion Heldmann, Monika Scherer und Edeltraut Treusch Erfolge bei den Gaumeisterschaften. Bei den Herren dominierten Karlheinz Götz und Horst Bimmel zusammen mit Axel Pöhlmann und Karl-Heinz Friedrich auf Kreisebene, doch: "Immer wenn wir gut waren, ist einer abgesprungen", erzählt heute Karlheinz Götz über die verpaßten Aufstiege der Tell-Pistolenschützen.
Mit den sportlichen Erfolgen wurde die Standanlage weiter ausgebaut. Im Jahr 1989 wurden zehn 25-Meter- , fünf 50-Meter-Stände fertiggestellt und die 10-Meter-Anlage auf 14 Stände erweitert. Wenig später wurden die Außenanlagen bepflanzt, befestigt, eine Pergola errichtet, ein Grillstand fest aufgebaut und mit einer Getränkehütte ergänzt. Es war der Beginn der ständigen eigenen Festlichkeiten, die bis heute fester Bestandteil des Vereinslebens sind. Das einwöchige Schützenfest im August jeden Jahres wurde bereits seit 1984 ausgerichtet, jetzt gehören Preis- und Pokalschießen ebenso dazu, wie der Wettbewerb um den Bürgerschützenkönig. Neu eingeführt wurde das Ostereier- und Nikolausschießen, sowie das Wild- und Geflügelschießen, dass seit 1999 ausgetragen wird. Ein Jahr vorher hatte Wolfgang Treusch die Vereinsführung an Klaus Winzenburg übergeben, der den 164 Mitglieder zählenden Verein bis heute zusammen mit seinem Stellvertreter Adrianus van Loon, Schatzmeister Karlheinz Götz, Schriftführer Rolf Egly, den Schießleitern Guido van Loon und JoachimGruber, den Jugendleitern Hannelore Arlt und Bernd Schnell, sowie dem Stand- und Waffenwart Wilfried Zimmermann führt.
Leistungsschub bei Joachim Gruber
Seit 1998 hat Joachim Gruber neben Stefan Bimmel den größten Anteil an den sportlichen Erfolgen im Gewehrbereich. Nachdem sich die ersten Erfolge eingestellt hatten, erhielt der damals 27-jährige Gruber den entscheidenden Leistungsschub durch den im Jahr 2002 verstorbenen hessischen Landestrainer Bernd Hartstein. Joachim Gruber entwickelte sich zum erfolgreichsten hessischen Schützen des Jahres 2001 und wechselte zum Luftgewehr-Bundesligateam des SVF Eberstadt. Gemeinsam mit Stefan Bimmel, Sven Lubbe und René Henkel hatte Joachim Gruber großen Anteil daran, dass das Tell-Kleinkalibergewehrteam heute in der höchsten hessischen Wettkampfklasse schießt.
Als das jugoslawische Pächterehepaar Georg und Gabriele Martincic im Frühjahr 2001 nach 18 Jahren in Rente ging, wurde die Gaststätte des Schützenhauses renoviert und neu gestaltet, bevor die Wiedereröffnung an Pfingsten - jetzt unter griechischer Leitung - erfolgte. Der Vorstand um Klaus Winzenburg will sich jetzt auf die Erhaltung des Erreichten konzentrieren und die Pflege der Geselligkeit unter den Schützenvereinen intensivieren.